Lieber vorbeugen als auf Sanktionen setzen – Teil 5: Sanktionensysteme konstruktiv aufbauen

Eichhorn_Serie_Teil 5

Im fünften Teil der Artikelserie lernst du ein Sanktionssystem im Detail kennen und erfährst, wie es den Schülerinnen und Schülern ermöglicht, eine drohende Sanktion durch angemessenes Verhalten abzuwenden.

Sanktionssysteme konstruktiv konstruieren

Um die ungünstigen Nebenwirkungen von Sanktionen abzufedern, empfiehlt Classroom-Management, Sanktionssysteme wie folgt anzulegen: 

  1. Eine Kombination aus:
    1. Belohnung bei angemessenem Verhalten und
    2. Verlust eines, aus Sicht der SuS, wertvollen Gegenstandes bei Regelverstoß.
  2. Die Möglichkeit, eine drohende Sanktion durch angemessenes Verhalten abzuwenden, indem die SuS für eine festgelegte Zeit bestimmte Abmachungen einhalten.
  3. Belohnungen möglichst attraktiv für unsere Schülerinnen und Schüler gestalten. Meist sind Bonuspunkte oder ähnliches als Zwischenbelohnungen sehr wichtig. 

Was in Bezug auf Belohnungen wichtig ist

Beim Einsatz von Belohnungen ist es wichtig zu wissen, dass viele kleine Belohnungen wirksamer sind, als eine große, die man erst nach langer Zeit erhält und für die man sehr viel tun muss (Emmer, Sabornie, 2015). 

Fallbeispiel

Nach den Sommerferien erhält Frau Eberhard eine neue Klasse. Von ihrer Vorgängerin hat sie erfahren, dass in der Klasse ein sehr rauer Ton herrscht. Mehrere Schüler*innen beleidigen sich immer wieder gegenseitig. Frau Eberhard möchte gleich zu Beginn des neuen Schuljahres gegensteuern. So geht sie vor:

Eine Regel einführen

Schon am ersten Schultag hat sie mit ihrer Klasse die Regel, „Ich behandle andere respektvoll“ eingeführt. Ausgangspunkt war die Frage „Wie muss es sein, dass wir uns in unserer Klasse wohl fühlen und gut lernen können.“ Diese Frage haben die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen bearbeitet. Am nächsten Tag hat Frau Eberhard mit ihren Schüler*innen Beispiele für respektvolles und respektloses Verhalten gesammelt. Zwei SuS haben diese auf großen Plakaten notiert. Diese hängen vorne im Klassenzimmer, so dass sie alle SuS problemlos sehen. Da aber niemand voraussehen kann, wie sich unsere Schülerinnen und Schüler verhalten werden, hat sie drei Schülern einen Spezialauftrag erteilt. Zwei dieser drei Schüler zeigen häufig sehr respektloses Verhalten. Sie hat diese beiden Schüler absichtlich genommen, um sie einzubinden. Der dritte dieser drei Schüler verfügt über hohe soziale Kompetenzen, ist innerlich sehr ausgeglichen und ruhig und in der Klasse sehr beliebt. Der Spezialauftrag für diese drei Schüler besteht darin, die Liste bei jedem neuen Fall von respektvollem oder respektlosem Verhalten zu erweitern und die Änderung der Klasse vorzustellen.

Einige Tage später teilt sie ihre Klasse in Zweiergruppen ein. Die Partner*innen haben den Auftrag, zu beobachten was der jeweils andere schon gut bezüglich respektvollem Verhalten macht und dies kurz zu notieren. Die Ergebnisse bespricht sie dann am Schluss der letzten Unterrichtsstunde einer Woche mit der ganzen Klasse. Dabei gibt sie selbst sehr großzügig Lob und Anerkennung.

Belohnungen einsetzen, die in der Klasse sehr begehrt sind

Um ihre Schülerinnen und Schüler zu motivieren, diese Regel einzuhalten, setzt Frau Eberhard auf eine Kombination von Belohnung und Bestrafung. 

Im Gespräch mit ihren Schülerinnen und Schülern hat sie erfahren, dass Spielgeld in dieser Klasse sehr begehrt ist. Sie hat für ihre SuS Spielgeld-Münzen besorgt. Jetzt sagt sie zu ihrer Klasse: „Jeder von euch erhält 10 Münzen. Wenn ihr die Regel „Ich behandle andere respektvoll“ eine Woche lang einhaltet, erhalten alle eine weitere Münze. Wenn jemand 20 Münzen hat, bekommt er eine Belohnung.“ Frau Eberhard stellt die Belohnungen vor, wie z.B. ein Lied oder ein Spiel auswählen dürfen, eine kleine Süßigkeit, einen Umschlag mit einem Geheimpreis usw. Sie fragt auch ihre Klasse, was sie sich wünscht. 

Dann sagt sie, „Wer aber gegen unsere Abmachung „Ich behandle andere respektvoll“ verstößt, verliert eine Münze. Bei null Münzen informiere ich eure Eltern und es findet ein Elterngespräch statt.“

Der Verlust eines als wertvoll angesehenen Gegenstandes, hier Spielgeld, ist natürlich sehr unangenehm, Fachleute sprechen von Verlustaversion (Kahneman and Tversky,1979). Dadurch, dass Frau Eberhard aber in Vorleistung geht und als ersten Schritt großzügig Münzen an alle verteilt, findet dieses Vorgehen schnell die Akzeptanz bei ihren Schülerinnen und Schülern. Das ist eine zentrale Voraussetzung dafür, damit dieses Vorgehen Wirkung zeigt. Wenn hingegen eine Klasse ein Sanktionssystem ablehnt, die Lehrperson aber ungeachtet dessen daran festhält, verschlechtert das die Beziehung zwischen Lehrperson und ihren SuS sowie das Klassenklima, also die tragenden Säulen auf denen guter Unterricht aufbaut (Eichhorn, 2018 A).

Was beim Sanktionieren wichtig ist

Sanktionen sind wirksamer, wenn die SuS die sanktionierende Lehrperson als warmherzig sowie zugewandt erlebt (Haag, 2018) und eine gute Beziehung zwischen beiden besteht. Am Fallbeispiel in der Einleitung (Teil 1 der Serie) „Immer muss ich vor die Tür“ haben wir gesehen, welche ungünstigen Konsequenzen eine Sanktion haben kann, wenn eine schlechte Beziehung vom Schüler zur Lehrperson besteht. Dann ist es sogar möglich, dass der Schüler Aggressionen gegenüber der Lehrperson aufbaut. 

Darüber hinaus ist wichtig, dass die Lehrperson

  • beim Sanktionieren ruhig und sachlich bleibt,
  • die SuS schnell wieder in den Unterricht integriert, indem sie beispielsweise zeitnah eine Frage stellt, die der Schüler vermutlich beantworten kann, 
  • versucht, dem Schüler nichts nachzutragen (Haag, 2018),
  • im Anschluss an eine Sanktion besonders darauf achtet, was der Schüler jetzt gut macht und es ihm zeitnah mitteilt. Classroom-Management rät: Auf Ermahnungen und Sanktionen folgen Lob und Anerkennung.

Sanktionen – das Ende einer Handlungskette?

In der Literatur werden Sanktionen als Ende einer Handlungskette beschrieben, die in etwa so aussieht: Ein Schüler verhält sich unangemessen oder stört den Unterricht – seine Lehrperson ermahnt ihn. Der Schüler verhält sich wieder unangemessen – seine Lehrperson ermahnt wieder. Früher oder später ermahnt die Lehrperson den Schüler nicht mehr, sondern gibt ihm eine Sanktion. Damit, so suggeriert die Literatur, sei der Fall abgeschlossen. Das Gegenteil ist der Fall. Wir wollen doch den Schüler dabei unterstützen, es in Zukunft besser zu machen und führen deshalb Gespräche mit ihm. Anders gesagt: Wir setzen mehr auf Unterstützungsgespräche statt auf Sanktionen. Wie du bei Unterstützungsgesprächen vorgehst erfährst du im Detail in Eichhorn (2018, A).

Eine Sanktion als Start in die wohlwollende Begleitung

Das hier vertretene Verständnis von Sanktionen ist, dass der Schüler nach einer Sanktion Unterstützung erhält, also z.B. auf eine Sanktion folgen Lob und Anerkennung.

Fallbeispiel

Robin hat sich gegenüber einer Mitschülerin respektlos verhalten, „Du dumme Kuh“ hat er gerufen. Frau Eberhard nimmt ihm eine Münze weg und interveniert zusätzlich nach der Zwei-Phasen-Intervention

Phase 1 – im Unterricht: Nur kurz intervenieren, weil die meisten Schüler*innen gehört haben, was Robin gesagt hat, sagt sie so laut, dass es alle hören aber gleichzeitig unaufgeregt:  „Robin, Schimpfworte gehen hier nicht. Wir haben die Abmachung, dass wir uns respektvoll verhalten – ich möchte dich später sprechen.“ Dann unterrichtet sie sofort weiter.

Phase 2 – das Gespräch mit dem Schüler: Die Hauptteil der Zwei-Phasen-Intervention besteht in einem oder mehreren Gesprächen mit dem Schüler – die Details dazu findest du in Eichhorn, 2018 A.

Jetzt im Unterricht achtet Frau Eberhard sorgfältig darauf, was Robin gut macht und meldet es ihm zeitnah zurück. Als sich Robin einige Zeit ruhig und unauffällig verhält, flüstert sie ihm zu, „Robin, die letzten 15 Minuten dieser Stunde hast du unsere Abmachung „Ich behandle andere respektvoll“ gut eingehalten – hat mich sehr gefreut.“ Die Lehrperson achtet also vor allem darauf, ob sich der Schüler in dem Bereich angemessen verhält, indem er sich zuvor nicht angemessen verhalten hat. 

Das ist allerdings sehr anspruchsvoll für die Lehrperson, denn sie muss ja parallel dazu ihren Unterricht weiterführen und nicht nur diesen Schüler beobachten. Da ist es einfacher auf all das zu achten, bei dem sich der Schüler angemessen verhält und es ihm zeitnah zurückmelden, z.B. „Du hast dich die letzten Minuten am Unterricht beteiligt“, oder „Du hast dich ruhig verhalten, als ich das Thema X erklärt habe“, oder „Du bist, während Maria einen Input gegeben hat, ruhig gewesen“. Damit geht sie damit positiv auf den Schüler zu, nachdem sie ihm zuvor eine Sanktion gegeben hat. Sie signalisiert ihm damit auf nonverbale Weise, dass sie ihm nichts nachträgt. 

Small talk führen: Eine Lehrerin wusste, dass einer ihrer Schüler Fan vom FC Bayern München ist. Nachdem ihm seine Lehrerin eine Sanktion erteilt hat, sagt sie beim Verabschieden zu ihm, „Wie hat eigentlich Bayern letztes Mal gespielt?“

Die Herausforderung besteht bei all diesen Anregungen darin, etwas zu finden, um den Schüler loben zu können. Das wird noch schwerer, wenn die Lehrperson negative Emotionen, wie z.B. Ärger über den Schüler aufgebaut hat. Ärger oder Enttäuschung über einen Schüler sind ja ganz normale Bestandteile unseres Berufs. Wir sind ja keine Maschinen – und stehen oft den ganzen Tag unter erheblichem Druck. Erleichtert wird uns diese Herausforderung aber, wenn wir uns grundsätzlich darum bemühen auf das zu achten, was unsere Schülerinnen und Schüler, vor allem diejenigen mit herausforderndem Verhalten, schon gut machen. Immer mehr Lehrpersonen erkennen wie wichtig das ist und wie es ihnen ihren Beruf erleichtert. 

Der Lehrberuf – eine extrem anspruchsvolle Aufgabe

Wir sehen an diesen Ausführungen aber auch, dass der Lehrberuf viel mehr ist, als Deutsch, Mathematik, Sport, usw. zu unterrichten. Nämlich oft erst einmal die Basis aufzubauen, auf der guter Unterricht überhaupt möglich ist. Dafür bieten aber Aus-, Fortbildung und Forschung nur wenig Hilfe. Eigentlich unbegreiflich, dass Lehrpersonen bei dieser anspruchsvollen Aufgabe weitgehend auf sich allein gestellt sind.

Im nächsten Teil dieser Serie erfährst du, warum Erkenntnisse aus der Vorsatzforschung für Lehrpersonen, die ihre Schüler*innen beim Aufbau neuen Verhaltens unterstützen möchten, wichtig sind.

Über den Autor

Christoph Eichhorn ist Lehrbeauftragter für Classroom-Management an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Er bietet Workshops und Vorträge zu Themen wie „Interventionen bei Stören“ oder „Classroom-Management“ an. www.classroom-management.ch 

Sein wichtigstes Buch

Eichhorn, C. (2028 A): Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören

  • Die wirksamste Störungsprävention
  • Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen
  • Interventionsleitlinien bei großen Störungen (2018)
  1. überarbeitete Auflage.

Das Buch kann nur über Amazon bezogen werden.

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