Lieber vorbeugen als auf Sanktionen setzen – Teil 2: SuS in ihrer Entwicklung unterstützen

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In diesem Teil unserer Serie erhältst du Anregungen, wie eine Lehrperson ihren SuS dabei unterstützt, eine drohende Sanktion abzuwenden.

Dies ist der zweite Teil der insgesamt zwölfteiligen Beitragsreihe unseres geschätzten Gastautors Christoph Eichhorn. Die Reihe beschäftigt sich mit dem Thema Regeln und Bestrafungen, wobei vor allem das Vorbeugen von Bestrafungen im Vordergrund steht. In jedem Teil wird ein Aspekt des Themas näher beleuchtet. Im zweiten Teil geht es um Möglichkeiten, wie Lehrkräfte ihre SuS in ihrer Entwicklung unterstützen können.

Im ersten Teil haben wir Paul kennengelernt, der die Hausaufgaben schon zwei Mal nicht dabei hatte. Seine Lehrerin sagte einfühlend zu ihm,  „Hallo Paul – gell, Hausaufgaben machen kann manchmal richtig mühsam sein, oder?“ Und nach einer kurzen Pause fährt sie freundlich fort,  „Ich habe gesehen, dass du zwei Mal die Hausaufgaben nicht dabei hattest. Du weißt doch, dass du beim vierten Mal einen Verweis erhältst. Das willst du vermutlich nicht. Ich bin gerne bereit, dich bei den Hausaufgaben zu unterstützen, damit du diese schaffst.“ 

Der Ton macht die Musik

In Gesprächen mit unseren Schülerinnen und Schülern kommt es oft auf den Ton an, gemäß des Sprichwortes,  „der Ton macht die Musik“. Die Lehrperson aus dem letzten Fallbeispiel des ersten Teils spricht also höflich und sachlich – sie enthält sich im Gespräch mit Paul jeglicher Vorwürfe, Abwertung, Moralisierung oder Kritik. Ihr Ziel ist ja, die Kooperationsbereitschaft ihres Schülers aufzubauen. Mit Kritik und Vorwürfen würde sie nur das Gegenteil erreichen. 

Ziel der Lehrperson: Dass ihre SchülerInnen erfolgreich sind

Die Lehrpersonen dieser Schule wollen nicht warten, bis ein Schüler, in diesem Beispiel Paul, einen Verweis, bzw. eine Sanktion erhält. Denn für einige SuS kann ein Verweis sehr belastend sein. Noch schlimmer für uns Lehrpersonen: Er kann die weitere Kooperationsbereitschaft des betroffenen Schülers mit uns in Frage stellen. 

Natürlich müssen auch die Eltern darüber informiert werden, wenn die Schule einen Verweis erteilt. Das kann aber dazu führen, dass Eltern ungewollt nicht sinnvolle Maßnahmen ergreifen, wie z.B. dass sie ihr Kind kritisieren, abwerten oder es z.B. mit Hausarrest oder Smartphone-Entzug bestrafen, usw. Das mag zwar von den Eltern gut gemeint sein, aber solche Strafen verbessern die emotionale Bindung des Kindes an Schule und Lernen nicht – eher im Gegenteil. Mit der Zeit wird es wahrscheinlicher, dass das Kind eine immer stärkere Abneigung gegenüber Lernen, Schule und eventuell sogar auch gegenüber seiner Lehrperson aufbaut, wenn es diese für seinen Ärger zu Hause verantwortlich macht. Damit würden wir das Gegenteil dessen erreichen, was wir wollen. Um dem etwas vorzubeugen könnte die Lehrperson Pauls Eltern nicht nur über den Verweis informieren, sondern dann sagen, „mir ist es ein Anliegen, dass Paul mit den Hausaufgaben weiterkommt und ich werde ihn unterstützen. Dazu möchte auch gerne mit Ihnen in Kontakt bleiben.“

Die Probleme gehen aber noch weiter, wenn ein Schüler, auf Grund des Stresses und der zahllosen Misserfolge in der Schule und zu Hause,  eine ausgeprägte negative emotionale Haltung gegenüber allem, was mit Schule und Lernen zu tun hat, entwickelt.

Ein solcher Schüler sagte mir einmal,  „die Lehrer gehen mir komplett auf den Wecker. Was die verlangen ist doch völliger Quatsch. Was soll ich da noch.“ Vermutlich möchte niemand einen solchen Schüler in seiner Klasse haben. 

Natürlich kann es sein, dass einige Schülerinnen und Schüler unter erhöhtem Druck, wie ihn ein Verweis darstellt, tatsächlich ihre Hausaufgaben besser erledigen. Wenn ihnen das relativ einfach gelingt, kann das tatsächlich die Wende sein. 

Aber für viele SuS ist Hausaufgaben-machen Schwerstarbeit. Vor allem für diejenigen, die schon lange schulisch sehr schwach sind. Für diese kann der permanente Druck, einen Verweis zu riskieren oder Stress mit ihren Eltern zu haben sehr belastend sein und ihre Lernmotivation beschädigen. Die Studie von Valtin (2012) „Was ist das Schlimmste an Schule“ – eine Befragung von 3.000 Berliner Schülerinnen und Schülern der 7. – 9. Klasse der Sekundarstufe 1, zeigt, dass sich jede/r dritte SchülerIn mit schlechten Noten nicht nach Hause traut, weil sie zuhause Stress befürchtet. Schlechte Rahmenbedingungen, um eine positive Lernbereitschaft des Schülers/der Schülerin zu fördern. 

Viele Schülerinnen und Schüler können ihre negativen Emotionen nicht angemessen ausdrücken

Wir müssen schon realistisch sehen, dass kaum ein Schüler, der mit seinen Hausaufgaben nicht klar kommt, zu seiner Lehrperson geht und sagt: „Darf ich Sie bitte sprechen, Herr Gruber? Die Hausaufgaben belasten mich wirklich sehr. Ich weiß oft nicht wie ich diese lösen soll. Meine Eltern machen mir auch dauernd Stress wegen der Hausaufgaben. In der Klasse fühle ich mich auch schlecht, wenn ich meine Hausaufgaben nicht machen konnte. Ich befürchte, dass meine MitschülerInnen dann meinen, ich sei blöd. Das ist sehr unangenehm. So verliere ich auch jegliche Lernmotivation. Können Sie mir bitte weiterhelfen – vielen Dank.“

Einen Freund mitbringen

Kommen wir zum Gespräch mit Paul aus Teil 1 dieser Serie zurück. Seine Lehrperson schlägt ihm vor, dass er einen Freund zum Gespräch mitbringen darf, was derartige Gespräche in der Regel deutlich erleichtert. 

Problemanalyse

Im Gespräch mit Paul versucht die Lehrperson, sich ein Bild über die Ursachen des Problems zu machen und dann entsprechende Hilfe anzubieten. Das Hilfsangebot muss bei Problemen, wie „Hausaufgaben nicht dabei haben“, oft sehr umfangreich sein. Beispielsweise dann, wenn der Schüler massive Lernlücken hat, Konzentrationsprobleme oder Probleme in der deutschen Sprache aufweist. Es kann nicht allein die Aufgabe dieser Lehrerin sein, den Schüler entsprechend zu fördern. Sondern der ganzen Schule. Indem sie Unterstützungsangebote, wie z.B. Schulsozialarbeit, Lerntraining oder Hausaufgabenbetreuung usw. bereitstellt.

Die Klasse einbeziehen

Eine weitere Variante ist, dass die Lehrperson mit der ganzen Klasse am Thema „Hausaufgaben erfolgreich bewältigen“ arbeitet. Dann diskutieren die Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen zum Beispiel über Fragen wie, „Was kann ich tun, wenn ich keine Lust habe, meine Hausaufgaben zu erledigen?“ oder „Die besten Hausaufgaben- und Lerntipps“ usw. Ältere Schüler recherchieren dazu im Internet, z.B. auf der Homepage www.mit-kindern-lernen.ch oder sie bearbeiten Ausschnitte z.B., aus dem Buch „Clever lernen” (Rietzler/Grolimund, 2018) und tragen ihre Ergebnisse in der Klasse vor. Die SuS probieren dann eine der vorgestellten Strategien für einige Wochen aus. Die Lehrperson reflektiert in den nächsten Tagen und Wochen mit ihrer Klasse ihre dabei gewonnenen Erfahrungen. Davon profitieren alle Schülerinnen und Schüler.

Mit kleinen Gruppen arbeiten

Dabei arbeitet die Lehrperson nicht nur mit der ganzen Klasse, sondern auch in kleinen Gruppen mit denjenigen Schülerinnen und Schülern, die sich hier besonders schwer tun. Das bietet uns einen viel besseren Zugang zu unseren SuS als immer nur mit der ganzen Klasse zu arbeiten – so können wir unsere SuS auch viel besser unterstützen. Natürlich sind dafür entsprechende Rahmenbedingungen nötig, die in vielen Schulen leider noch fehlen. Und Lehrpersonen sollen für diese Arbeit unbedingt bezahlt werden.

Mit Feedback-Karten arbeiten

Fallbeispiel: Frau Paulsen hat an ihrer Klasse Feedback-Karten in den Farben grün, gelb und rot verteilt. Nachdem sie in Mathematik oder Deutsch die Hausaufgaben erklärt hat, fragt sie, „Wer hat schon gut verstanden, was man bei den Hausaufgaben tun muss – bitte die grüne Karte zeigen.“ Und „Wer möchte, dass es noch einmal erklärt wird – bitte wieder die grüne Karte zeigen“. Sie hält eine grüne Karte in die Höhe, um sicher zu gehen, dass alle ihre Frage verstanden haben. Oder sie wiederholt ihre Frage gleich nochmal. Sie achtet besonders darauf, welches Feedback diejenigen SchülerInnen, die sich oft mit den Hausaufgaben schwertun, abgeben. Je nachdem welches Feedback die Klasse gibt, erklären zwei SchülerInnen, die die Hausaufgaben gut verstanden haben, noch einmal wie es geht. Dann bearbeitet die Klasse zunächst einige Probeaufgaben. 

Am nächsten Tag fragt sie, „Wer konnte die Hausaufgaben gut lösen – bitte die grüne Karte zeigen“ und „Wer fand die Hausaufgaben zu schwer – bitte die rote Karte zeigen.“ 

Innerhalb weniger Augenblicke hat sich Frau Paulsen damit eine Bild darüber verschafft, wie weit ihre Schülerinnen und Schüler meinen, mit ihren Hausaufgaben klar zu kommen.

Mehr zum Thema „Mit Feedback-Karten arbeiten“ erfährst du in Eichhorn (2018).

Oft ist unangemessenes Verhalten eines Schülers/einer Schülerin der Anlass für Gespräche zwischen Lehrperson und SchülerIn. Im nächsten Beitrag erfährst du, wie eine Lehrperson aber stattdessen angemessenes Verhalten des Schülers/der Schülerin nutzt, um ihn/sie zu unterstützen.

 

Über den Autor

Christoph Eichhorn ist Lehrbeauftragter für Classroom-Management an den Universitäten Zürich, Konstanz, Tübingen und an Pädagogischen Hochschulen in Deutschland und Österreich. Er bietet Workshops und Vorträge zu Themen wie „Interventionen bei Stören“ oder „Classroom-Management“ an.
www.classroom-management.ch

Sein wichtigstes Buch

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Eichhorn, C. (2018): Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören

  • Die wirksamste Störungsprävention
  • Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen
  • Interventionsleitlinien bei großen Störungen (2018)
  1. überarbeitete Auflage.

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