Diskriminierungskritischer Unterricht: Die große Checkliste für mehr Fairness im Schulalltag
- Exkurs: Wahrnehmung vs. Identität
- Dein Kompass für sensiblen Unterricht
- 1. Sichtbarkeit & fachliche Teilhabe
- 2. Darstellung, Stereotype und Bewertung
- 3. Sprache & Aufgabenformate
- 4. Beteiligung & Unterrichtspraxis
- 5. Lern- und Leistungsaufgaben
- 6. Fragmentierte Kindheit & Zeitgerechtigkeit
- 7. Fehlerkultur & Leistungsbewertung
- 8. Anerkennung & Wissenschaftsnarrative
- 9. Intersektionalität & Vielfalt
- 10. Wissensverständnis & Wertungsbias
- 11. Wissensentstehung & Erkenntnisprozesse
- 12. Vorbilder & Zukunftsbilder
- 13. Selbstreflexion der Lehrperson
- Fazit: Den Blick schärfen, Barrieren abbauen

Mal ehrlich: Wir alle haben diesen einen Moment im Unterricht, in dem wir uns fragen, ob wir wirklich alle Kinder im Raum erreichen – oder ob unsere Materialien unbewusst Mauern aufbauen. Ein diskriminierungskritischer Unterricht ist kein trockenes Theorie-Konstrukt, sondern die Kunst, den Blick zu schärfen und Schule für alle zum „Safe Space“ zu machen.
Es geht nicht darum, sofort jede Box anzukreuzen. Manchmal ist es schon ein Riesenschritt, einen einzelnen Aspekt zur neuen Normalität im Klassenzimmer zu machen.
Wir bei meinUnterricht wissen, dass unsere Stärke in eurer Expertise liegt. Euer Wissen und eure Erfahrungen bereichern uns jeden Tag aufs Neue und machen unsere Community zu etwas ganz Besonderem. Solveig Weiß hat einen Kompass für sensiblen Unterricht erstellt, der dir hilft, Stereotype zu entlarven und echte Teilhabe zu ermöglichen. Wir teilen ihn mit dir!
Exkurs: Wahrnehmung vs. Identität
Dein Kompass für sensiblen Unterricht
Hier ist der komplette Fahrplan von Solveig Weiß, Schritt für Schritt für deinen Schulalltag aufbereitet:
1. Sichtbarkeit & fachliche Teilhabe
- Kommen weiblich* gelesene Personen in deinem Unterrichtsmaterial sichtbar und namentlich benannt vor?
- Ermöglichen deine Darstellungen fachliche Anschlusskommunikation (z. B. Erklären, Diskutieren, Problemlösen)?
- Treten weiblich* gelesene Personen als eigenständige Akteur:innen auf – und nicht nur in Bezug auf männlich* gelesene Personen?
- Werden koloniale, eurozentrische, rassistische und adultistische Kontexte (Ausbeutung, Ausschlüsse, Machtverhältnisse) explizit benannt und problematisiert?
2. Darstellung, Stereotype und Bewertung
- Hast du in deinen Materialien auf geschlechtsspezifische, rassistische oder andere diskriminierende Stereotype verzichtet?
- Werden weiblich* gelesene Personen nicht als dumm, unfähig oder hilflos dargestellt?
- Vermeidest du es, sie als bloße Dekoration, Blickfang oder Sexualobjekte zu nutzen?
- Werden sie nicht auf untergeordnete, abhängige oder passive Rollen reduziert?
- Nimmst du Beiträge und Perspektiven deiner Schüler:innen ernst, ohne sie aufgrund ihres Alters abzuwerten (Adultismus)?
3. Sprache & Aufgabenformate
- Verwendest du eine inklusive, nicht androzentrische Sprache?
- Sind deine Aufgaben kontextuell vielfältig und nicht einseitig geschlechtlich oder kulturell codiert?
- Ermöglichen deine Aufgaben verschiedene Lösungswege statt reiner Schnelligkeit und Leistungskonkurrenz?
- Haben deine Schüler:innen echte Mitgestaltungsmöglichkeiten (z. B. durch Kritik oder Inhaltsvorschläge)?
4. Beteiligung & Unterrichtspraxis
- Achtest du bewusst auf die Redeanteile (wer spricht wie viel?) sowie die allgemeine Beteiligung (wer bringt sich wie ein?) deiner Schüler:innen?
- Behandelst du Beiträge unabhängig von Auftreten, Lautstärke, Alter oder Geschlecht gleichwertig?
- Erhalten marginalisierte Personen Entfaltungsraum, ohne dass du sie dabei exponierst?
5. Lern- und Leistungsaufgaben
- Unterscheidest du in deinen Aufgabenstellungen klar zwischen Lernaufgaben (unbewertet, Übung, Fehlertoleranz) und Leistungsaufgaben (transparent, geübt, barrierefrei)?
- Lernaufgaben:
Werden nicht bewertet
Bereiten auf Leistungsaufgaben vor
Sind explizite Übungs- und Denkaufgaben
Fehler werden als Teil des Lernprozesses verstanden - Leistungsaufgaben
Klar angekündigt
Wurden vorab geübt
Kriterien sind transparent
Sind frei von unnötigen sprachlichen, kulturellen oder sozialen Barrieren - Verzichtest du auf die Bewertung von Lernprozessen, wenn du auf Leistungsergebnisse hinarbeitest?
6. Fragmentierte Kindheit & Zeitgerechtigkeit
Eine fragmentierte Kindheit verschärft Ungleichheit, schwächt
Selbstwirksamkeit und verstärkt Leistungsunterschiede – besonders dort, wo Schule „ideale“ Kindheiten voraussetzt.
- Berücksichtigst du, dass Kindheit durch Ganztag, Care-Arbeit oder familiäre Verantwortung fragmentiert ist?
- Setzt du realistische Zeitrahmen für Hausaufgaben, Projekte und Lernprozesse?
- Vermeidest du implizite Erwartungen an ideale Lernbedingungen zu Hause (Ruhe, Unterstützung)?
- Ermöglichst du zusammenhängende Lernzeiten, Vertiefung und Wiederholung, statt ständiger Taktung und Verdichtung?
- Reflektierst du, dass fragmentierte Lebensrealitäten (Armut, Migration, Sprache) ungleich verteilt sind?
- Bist du dir bewusst, dass deine Perspektive als Lehrkraft oft fernab der Realität deiner Schüler:innen liegt?
- Bist du dir bewusst, dass du als Lehrkraft auf kulturelles und finanzielles Kapital zurückgreifst, das vielen deiner Schüler:innen nicht zur Verfügung steht?
- Reflektierst du, dass das Bildungs- und Kulturverständnis vielfältig ausgeprägt und keineswegs neutral ist?
7. Fehlerkultur & Leistungsbewertung
- Ist dein Unterricht offen für Fehler?
- Vermittelst du Leistung als entwicklungsfähig und nicht als bloßes Talent?
- Trennst du Verhalten, Fleiß und Interesse klar von der fachlichen Leistung ab?
8. Anerkennung & Wissenschaftsnarrative
- War an einem Unterrichtsgegenstand eine weiblich gelesene Person maßgeblich beteiligt und hast du diese Leistung explizit sichtbar gemacht?*
- Mache Leistungen von weiblich* gelesenen Personen konsequent durch Zitate, Preise oder klare Urheberinnenschaft sichtbar.
- Bist du dir deiner Erzählkultur bewusst (Genie/Einzelheld vs. Teamarbeit/Prozesse)?
- Thematisierst du explizit die historische Unsichtbarmachung von weiblich* gelesenen Personen?
9. Intersektionalität & Vielfalt
- Berücksichtigt dein Material Mehrfachzugehörigkeiten?
- Vermeidest du die Darstellung von „der Frau“ als homogene Gruppe?
- Bindest du globale Perspektiven ein, ohne sie zu exotisieren?
10. Wissensverständnis & Wertungsbias
- Reflektierst du, was als wissenschaftlich wertvoll gilt und warum?
- Integrierst du Errungenschaften, die den Alltag revolutioniert haben (z. B. Spülmaschine)?
- Behandelst du Alltags- und Care-Leistungen gleichwertig zu industriellen Technologien?
- Thematisierst du, dass Erfindungen von Frauen oft abgewertet wurden, weil sie Alltagsprobleme lösten?
- Betonst du, dass weiblich* gelesenen Personen lange der Zugang zu Bildung verwehrt blieb?
11. Wissensentstehung & Erkenntnisprozesse
- Thematisierst du, aus welcher Perspektive Wissen (Methoden, Auswahl, Ausschlüsse usw.) entsteht?
- Thematisierst du, dass Wissen und Bildung nicht neutral sind?
- Erkennst du in deinem Unterricht verschiedene Wissensformen an?
- Machst du in deinem Unterricht aktuelle Unsicherheiten und Debatten sichtbar?
12. Vorbilder & Zukunftsbilder
- Zeigst du in deinem Unterricht vielfältige Repräsentationsfiguren (ohne „Super- oder Powerfrauen-Logik“)?
- Werden in deinem Unterricht nichtlineare Bildungs- und Lebenswege sichtbar?
- Vermittelt dein Unterricht Zugehörigkeit und Ermutigung?
13. Selbstreflexion der Lehrperson
- Reflektierst du deine Machtposition, Zeitnormen und Erwartungen regelmäßig?
- Nutzt du Feedback und Fortbildungen regelmäßig?
- Hinterfragst du offiziell zugelassene Materialien kritisch?
Fazit: Den Blick schärfen, Barrieren abbauen
Diskriminierungskritik ist kein Ziel, das man einmal erreicht und dann „abhakt“. Es ist eine kontinuierliche Haltung, die unseren pädagogischen Alltag bereichert. Indem wir die Sichtbarkeit marginalisierter Perspektiven erhöhen, Stereotype in unseren Materialien entlarven und die fragmentierten Lebensrealitäten unserer Schüler:innen anerkennen, schaffen wir einen Ort, an dem echte Bildungsgerechtigkeit wachsen kann.
Es geht darum, Wissen nicht als neutrales Gut zu präsentieren, sondern dessen Entstehung und Machtverhältnisse offen zu thematisieren. Wenn wir den Mut haben, unsere eigene Rolle und die offiziellen Materialien kritisch zu hinterfragen, senden wir ein starkes Signal an unsere Schüler:innen: Ihr gehört dazu, eure Perspektiven zählen, und Erfolg ist keine Frage von Privilegien, sondern von individueller Entwicklung.
Möchtest du noch tiefer in diese Themen eintauchen? Dann schau dir unsere weiterführenden Artikel an:
- Vorurteilsbewusste Pädagogik: Wie du unbewusste Denkmuster erkennst und im Unterricht aufbrichst.
- Gender in der Schule: Strategien für einen geschlechtersensiblen Umgang im Klassenzimmer.



