Häusliche Gewalt: Verhaltensempfehlungen für Lehrkräfte

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Wenn man als LehrerIn feststellen muss, dass eine der SchülerInnen zu Hause psychischer und/oder physischer Gewalt ausgesetzt ist oder massiv vernachlässigt wird, gehört dies zu den anspruchsvollsten und schwierigsten Teilen des LehrerInnenalltags. Jeder Fall ist dabei natürlich individuell zu betrachten, sowohl von den jeweiligen Möglichkeiten und Gegebenheiten als auch von der Brisanz, welche eventuell zu einem schnellen Handeln zwingen kann.

Wenn der erste Verdacht von häuslicher Gewalt auftritt, dann führt dies zu vielen, teils verwirrenden Gefühlen. Meist ist die erste Reaktion Unsicherheit – man hat den Eindruck, den eigenen Gefühlen nicht trauen zu können.  Man stellt sich Fragen wie: „Sind die Anzeichen wirklich ausreichend für einen solchen Verdacht?”, “Kann ich meinem Bauchgefühl in so einem sensiblen Vorfall wirklich trauen?” oder “Übertreibt die Schülerin oder der Schüler mit seinen Schilderungen?” Letztlich ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass es in der Regel keinen Grund gibt, solche Vorfälle zu erfinden.

Wut und Machtlosigkeit

Nicht selten hat man als LehrerIn auch mit Wut gegenüber den gewalttätigen Erziehungsberechtigten zu kämpfen. In diesem Fall ist es besonders wichtig, die eigene Professionalität zu wahren und diese Wut nicht vor dem betroffenen Kind auszudrücken: Selbstverständlich lieben die betroffenen SuS ihre Eltern trotz der zugefügten Gewalt. Man sollte in einem solchen Fall klar kommunizieren, dass das, was dem Kind zugefügt wird, nicht rechtens ist, die Eltern dafür jedoch nicht vor dem Kind degradieren.

Vor allem überwältigt einen das Gefühl der Machtlosigkeit überwältigt – hervorgerufen durch den Wunsch den SuS sofort helfen zu wollen, dabei trotzdem an einen bürokratischen und institutionellen Ablauf gebunden zu sein. Umso wichtiger ist ein schnelles Eingreifen – doch wie sollte dies ablaufen?

Vier-Augen-Prinzip

Mit der bereits beschriebenen Mischung aus unangenehmen Gefühlen sollte keine Lehrkraft alleine bleiben müssen. Um die Situation möglichst objektiv einschätzen zu können, ist der erste Schritt das Einholen einer zweiten Meinung. Eine Kooperation mit anderen PädagogInnen, der SchulpsychologIn, einer SozialarbeiterIn oder dem Jugendamt kann zu mehr Sicherheit führen. Auch Ärzte und die Polizei können im Notfall einen wichtigen Ansprechpartner darstellen.

Innerhalb dieser Kooperation sollte die Dringlichkeit eines Eingreifens geklärt werden. Ist das Kind unmittelbar gefährdet? Dabei steht natürlich stets das Kindeswohl vor einer pädagogisch fundierten und sauberen Klärung der Situation. Wenn die bereits involvierten Personen und Institutionen nicht für die Sicherheit des Kindes Sorge tragen können, ist das Jugendamt oder die Polizei einzuschalten.

Wahrnehmen – Warnen – Handeln

Das Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie des Landes Nordrhein-Westfalen hat in einer Broschüre eine dreiteilige, vereinfachte Handlungsempfehlung herausgegeben, welche wir im folgenden vorstellen:

Den ersten Schritt bildet dabei das Wahrnehmen, damit ist gemeint, dass LehrerInnen gezielt auf solche Situationen hin geschult werden sollen. Verhaltensauffälligkeiten bei SuS sollten nicht leichtfertig abgetan werden, sondern in einem Gespräch geklärt werden. Aggressives Verhalten bei Kindern deutet nicht selten Schwierigkeiten im elterlichen Umfeld an. Auffällige Verletzungen, Kratzer und Schürfwunden sollten ebenfalls nicht einfach übersehen werden. Diese haben glücklicherweise meist nichts mit einer Gefährdung des Kindeswohl zu tun, können jedoch darauf hindeuten.

Das bereits oben beschriebene Informieren eines anderen Ansprechpartners oder einer Institution bildet das zweite Glied im dreigeteilten Handlungsschema. Es ist wichtig,die richtige AnsprechpartnerIn zu finden, um die Brisanz der Situation richtig einschätzen zu können. Dies bildet die Grundlage für den dritten Teil der Kette.

Man sollte sofort und, wenn nötig, mit der Unterstützung des Jugendamtes oder der Polizei handeln, sobald es Anzeichen dafür gibt, dass das Kind unmittelbar gefährdet ist. In manchen Fällen lässt sich der familiäre Konflikt jedoch auch durch ein Gespräch mit den Erziehungsberechtigten klären. Das Handeln bildet das dritte und letzte Glied des Konzepts.

Die richtigen Ansprechpartner

Je nach Dringlichkeit und Grad der Gefährdung sind verschiedene Institutionen einzuschalten. Eine enge Zusammenarbeit mit einer SchulpsychologIn empfiehlt sich, um das Kind emotional aufzufangen. Leider ist das Vorhandensein eines psychologischen Ansprechpartners im deutschen Bildungswesen keine Selbstverständlichkeit.

Liegt eindeutig eine Gefährdung des Kindeswohls vor, sollte das Jugendamt verständigt werden. Dieses ist der offizielle Ansprechpartner in solchen Situationen.  Das für euren Landkreis zuständige Jugendamt findet ihr unter diesem Link. Das Jugendamt kann auch eine Inobhutnahme einleiten, so beispielsweise wenn die Eltern aufgrund von psychischen Störungen oder Drogenabhängigkeit nicht mehr in der Lage sind, das Kind zu versorgen.

Natürlich bietet auch die Polizei eine wichtige Anlaufstelle. Diese leitet beim Verdacht der Kindeswohlgefährdung unmittelbar eine Strafverfolgung ein. In der Regel hat die Polizei eine konkrete AnsprechpartnerIn für Fälle häuslicher Gewalt gegen Kinder.

Die verschiedenen Institutionen und AnsprechpartnerInnen sind unterschiedlich und konzentrieren sich teilweise auf verschiedene Aspekte der Kindeswohlgefährdung. Folgend werden einige wichtige Anlaufstellen aufgeführt, welche euch eine Orientierung bieten sollen.

Kinder- und Jugendnotdienste wie beispielsweise der Berliner Notdienst Kinderschutz sind konkrete Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche. Dort gibt es die Möglichkeit einer konkreten Beratung und Betreuung. Im Notfall können Kinder und Jugendliche hier auch zeitweise übernachten.

Kinderschutzzentren, wie der Kinderschutzbund Köln bieten Beratung von Eltern, Verwandten und LehrerInnen betroffener Kinder an. Sie sind damit auch ein wichtiger Anlaufpunkt für Lehrkräfte, welche eine konkrete Gefahr für SuS befürchten.

Es gibt allerdings auch viele erste Informationsmöglichkeiten im Internet, wie zum Beispiel den “Deutschen Kinderschutzbund, “Eltern im Netz oder “Gewalt ist nie ok. Letztere bietet eine Website mit vielen Informationen für Kinder. Dadurch bietet es Informationen und Materialien für die Auseinandersetzung und Thematisierung von häuslicher Gewalt im Unterricht.

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