Rituale in der Schule (Leserfragen I): Aufgedrehte Schüler beruhigen

Christoph Eichhorn Veröffentlicht am
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„Wie schafft man es, dass die Schüler in den späten Unterrichtsstunden zuhören und aktiv mitmachen?“ Gerade nach dem Sportunterricht ist das eine ziemliche Herausforderung. Classroom-Management-Experte Christoph Eichhorn antwortet hier auf Ihre Leserfrage.

Dieser Beitrag ist Teil der Serie Rituale in der Schule – entspannter unterrichten“. Hier finden Sie alle bisher erschienenen Artikel. 

 

Die Leserfrage

Ich habe folgende Situation in einer 6. Klasse: 

– 25 Schüler, Gymnasium, Unterrichtsfach Biologie

– Unterrichtsstunde am Nachmittag 15.15 Uhr bis 16.00 Uhr

Die Klasse hat zuvor Sportunterricht, wodurch ein überwiegender Teil 5 Minuten zu spät kommt. Die Sportlehrerin schickt die Kinder bereits 5 Minuten früher aus ihrem Unterricht, damit sie genügend Zeit zum Umziehen und Raumwechsel haben. 
Diese Biologiestunden laufen sehr unruhig ab, die Schüler haben keine Konzentration und sind aufgedreht. Im Vergleich dazu sind sie in der Biologiestunde am Vormittag konzentriert und ruhig. In der Nachmittagsstunde bekommt man keine Ruhe rein. Die Themen können leider auch nicht immer daran angepasst werden, sind manchmal etwas trocken und erfordern Konzentration. 
Wie kann man es schaffen, dass die Schüler in den späten Unterrichtsstunden zuhören und aktiv mitmachen?

 

Die Antwort

Trödelnde Schülerinnen und Schüler (SuS) und „aufgedrehte“ Klassen – mit beidem hat man es häufig, wie Sie es beschreiben, nach dem Sportunterricht zu tun, aber auch nach großen Pausen und wichtigen Klassenarbeiten – ein Problemkomplex der bisher von der Literatur fast völlig übersehen wurde. Dabei geht es nicht zuletzt um die Fähigkeit der Emotionsregulation, die mit den SuS geübt werden kann. 

 

Trotz Verspätung gut in den Unterricht starten

Situation I: Wenn die SuS selbst mit gutem Willen nicht pünktlich im Unterricht sein können

Sie starten „sanft“ in den Unterricht, indem Sie die Zeit, bis zu der alle SuS pünktlich in Ihrem Unterricht sein können, abschätzen und dementsprechend später beginnen.  Zu Ihren SuS sagen Sie: „Durch das Umziehen nach dem Turnen könnt ihr bei mir nicht pünktlich zum Unterrichtsbeginn da sein – dann verlange ich das auch nicht von euch. Wir fangen „…“ Minuten später an. Dann müssen alle da sein. Ich bin natürlich trotzdem pünktlich zum Stundenbeginn schon da. Wenn ihr ins Klassenzimmer kommt dann

– geht bitte direkt an euren Platz und

– holt bitte gleich eurer Lieblingsbuch hervor – ihr dürft dann noch lesen, bis ich das Zeichen zum Anfangen gebe.“

 

Situation II: Wenn beim Umkleiden getrödelt wird

Wenn beim Umziehen und Duschen getrödelt wird, können Sie Ihre SuS durch einen Gruppenwettbewerb für das eigene Fehlverhalten sensibilisieren und dazu motivieren, pünktlich zum Unterricht zu erscheinen. Ideen und Anregungen dazu finden Sie bei den Wissenschaftlern Clemens Hillenbrand und Kathrin Pütz. Sie haben aus den USA die Methode des „Good Behaviour Game“ als KlasseKinderSpiel übernommen und an deutschen Schulen erprobt. Schon Kinder der ersten Grundschulklassen lernen mit diesem Spiel, sich an Regeln zu halten, die gemeinsam mit ihnen vereinbart wurden. Das KlasseKinderSpiel wendet sich zugleich an den Spieltrieb und an den Ehrgeiz der Kinder. Hier geht es zum Buch mit Leseprobe und hier zu einer wissenschaftlichen Einführung in das Thema.

 

Tipps und Ideen, um aufgeregte Schüler zu beruhigen

Je nach Klassenstufe kommen z. B. folgende Aktivitäten infrage:

– Mandala malen (eine Auswahl von Mandalas zum Herunterladen finden Sie z.B. hier)

– 3-4 Minuten dürfen alle in ihrem Lieblingsbuch, das immer in der Schule bleibt, lesen

– entspannt auf den Boden liegen, Augen schliessen und Lieblingskassette hören

– Entspannungsübungen 

– Knifflige Rätselaufgaben lösen (z. B. Tangram)

– Body-Percussion  

Bei Letzterem bietet es sich an, energisch zu starten und so die Energie der SuS aufzunehmen. Allmählich gehen dann Tempo, Lautstärke und Taktfrequenz zurück und die Percussion wird ruhiger und ruhiger – bis sich vielleicht ganz am Schluss alle SuS auf den Boden legen, dabei natürlich weiter klopfen, aber zunehmend langsamer und leiser. Dann schließen die SuS die Augen und es folgen einige tiefe Atemzüge (tief einatmen – Luft ein bisschen anhalten – entspannt ausatmen – darauf achten, wie man innerlich ruhiger und entspannter wird). Auf das Zeichen der Lehrperson, öffnen die SuS nach einiger Zeit ihre Augen, stehen auf und setzen sich an ihre Plätze.

In jedem Fall sinnvoll ist es, mit der Klasse gemeinsam zu besprechen, was ihnen dabei hilft, sich zu entspannen und die Vorlieben der SuS – soweit möglich – zu berücksichtigen. 

 

Weitere Materialien zum Thema Entspannung und Stressregulation finden Sie hier in der meinUnterricht.de-Bibliothek.

Damit diese Übungen in der Praxis auch klappen, müssen sie regelmäßig geübt werden. Dabei muss gerade am Anfang damit gerechnet werden, dass einige SuS mit diesen Übungen nur wenig anfangen können und dies auch deutlich zu erkennen geben, indem sie z. B. ihre Augen nicht schließen möchten (dann dürfen sie sie natürlich geöffnet lassen). Das ist normal – derartige Übungen sind ja auch vielen Erwachsenen fremd. Lassen Sie sich also nicht aus dem Konzept bringen.

 

Emotionsregulation im Sportunterricht

Im konkreten Fall des vorangehenden Sportunterrichts bietet es sich außerdem an, mit der für diesen Unterricht verantwortlichen Lehrperson gemeinsam nach Lösungen zu suchen und z. B. schon den Sportunterricht selbst mit einer beruhigenden Sequenz enden zu lassen. Hier ein Beispiel: Alle SuS liegen auf dem Boden. Die L schlägt einen großen Gong. Die SuS lauschen, wie lange sie den Gong noch hören. Dazu müssen sie natürlich alle ganz leise sein. Klar kann es sein, das einige dabei lachen und Geräusche machen. Dann bieten sich Einzelgespräche oder das Einbeziehen der betreffenden SuS an, indem sie während der Übung eine Aufgabe erhalten: etwa den Gong zu schlagen oder eine Entspannungsanweisung zu geben. Auch hier muss, je nachdem wie viele SuS involviert sind, erst einmal geübt werden, bis alles klappt. 

Generell ist das Thema Emotionsregulation ein durchaus spannendes Thema im Sport, z. B. vor wichtigen Wettkämpfen. Denn wer nervös oder überdreht ist – im Fachjargon spricht man auch von ‚‚überaktiviert“ –, kann sein Leistungsoptimum nicht abrufen. Vielleicht kennt sich Ihre Kollegin/Ihr Kollege auf diesem Gebiet schon aus oder ist daran interessiert, sich einzuarbeiten. Unter „Mentaltraining im Sport“ findet man im Internet sehr spannende Hinweise.

 

SuS für das Thema Entspannung sensibilisieren

Ein weiterer Tipp ist, die Nervosität vor Prüfungen als Anlass zu nehmen, um mit den SuS zu besprechen, wie sie Ängste und Aufgeregtheit in den Griff bekommen. Gerade bei älteren SuS stößt das Thema Emotionsregulation im Zusammenhang mit Prüfungsvorbereitung auf große Akzeptanz, denn in jeder Klasse gibt es SuS, die gute Noten schreiben möchten. Unter dem Stichwort „Prüfungsangst“  finden sich im Netz zahlreiche Hinweise und Anregungen. Besprechen Sie die unterschiedlichen Erfahrungen der SuS und fördern Sie das Austauschen von Tipps in der Klassengemeinschaft. 

Generell gilt: Für SuS ist es wichtig, zu lernen, sich selbst zu beruhigen. Es handelt sich dabei um eine bedeutende Kompetenz, die man lebenslang benötigt – wie wir alle aus eigener Erfahrung wissen. 

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