Binnendifferenzierung

16. Binnendifferenzierung

Kaum ein Begriff aus der didaktischen Fachsprache hat sich in den letzten Jahren in vergleichbarem Maße zum  – neudeutsch – Buzzword entwickelt wie „Binnendifferenzierung“. In Populärliteratur zum Bildungswesen oder Leitartikeln großer Wochenzeitungen findet er ebenso Verwendung wie in Podiumsdiskussionen auf großen Bildungskongressen oder dezidierten Seminaren, die pädagogische Hochschulen ihren Studenten anbieten. Woran liegt das? Und was versteckt sich genau hinter diesem Begriff?

Was versteckt sich hinter dem Begriff der Differenzierung?

Differenzierung bedeutet per Definition die „feine, bis ins Einzelne gehende Unterscheidung“ nach bestimmten Merkmalen und ist beileibe kein Begriff, der lediglich in der Fachsprache von Pädagogen und Bildungswissenschaftlern verortet ist. Wer sich bei einer Reise für ein Ticket der 2. Klasse entscheidet, der hat sich die Preisdifferenzierung zunutze gemacht. Sie ermöglicht es Verbrauchern, Leistungen gemäß ihren persönlichen finanziellen Möglichkeiten oder Präferenzen in Anspruch zu nehmen – und Unternehmen, ähnliche Leistungen zu höheren Preisen an Verbraucher zu verkaufen, denen andere Dinge wichtiger sind, z.B. mehr Komfort. Je ausgefeilter diese Differenzierung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich jeder Mensch „gut bedient“ fühlt und genau die Leistung bekommt, für die er bezahlen kann oder möchte.

Im Schulkontext bedeutet Differenzierung analog zunächst einmal die Unterscheidung von Schülern und Schülerinnen (in der Folge als Schüler bezeichnet) oder Schülergruppen nach gewissen Merkmalen. Alter, Leistungsstand und fachliche Ausrichtung sind hier naheliegende Merkmale, aber auch nach dem Geschlecht wird in vielen Szenarien weiterhin differenziert, z.B. im Sportunterricht.

Welche Bedeutung hat Differenzierung in der Geschichte des deutschen Bildungswesens?

Die Differenzierung vor allem nach oben genannten Merkmalen ist im deutschen Bildungswesen fest verankert, und das hat nicht nur pragmatische, sondern vor allem auch historische Gründe. Das heutige, öffentliche Schulsystem hat seinen Ursprung in den Preußischen Reformen des frühen 19. Jahrhunderts und stammt damit im Kern aus einer Zeit, in der die Industrialisierung die Art des Wirtschaftens und Zusammenlebens radikal veränderte. Tayloristische Prinzipien, wie etwa die Standardisierung von Produktionsfaktoren, die exakte Planung von Abläufen und genaue Allokation von Ressourcen machten auch vor dem Schulwesen nicht halt; vielmehr wurde letzteres in großen Teilen der industriellen Wertschöpfungskette quasi „vorgelagert“. Wenngleich die Volksschule für viele Menschen eine bis dahin ungekannte Emanzipationschance bot, so formte sie vor allem auch die von der Industrie benötigen „genormten“ Arbeitskräfte. Die Einteilung in altersabhängige „Lernkohorten“, also Klassen, die durch die Lehrkraft angeleitet und diszipliniert wurden, hat unser Schulsystem bis heute beibehalten. Wie man sich leicht vorstellen kann, bleibt bei Klassengrößen von teilweise über 50 Schülern wenig Zeit und Raum, individuelle Lernpräferenzen zu adressieren. Während die maximale Klassengröße in den meisten Schulformen und Bundesländern heute bei knapp über 30 liegt, hat sich dennoch auch die wesentliche Vermittlungsmethodik aus dieser Zeit erhalten: der lehrerzentrierte Frontalunterricht.

Differenzierung im Schulkontext bedeutet heute nicht ausschließlich, aber vor allem die Unterscheidung bzw. Einteilung von Schülern gemäß ihres Leistungsniveaus oder ihrer Lernpräferenzen, und wie im oben beschriebenen Beispiel gilt auch hier: Je größer vor allem die Letztere ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie der „Beschulte“ „gut bedient“ fühlt, was in diesem Zusammenhang aber natürlich keine Konsumentscheidung betrifft, sondern in letzter Instanz über den Erfolg oder Misserfolg ganzer (Bildungs-)biographien entscheidet.

Warum ist schülerorientierte Differenzierung plötzlich Gegenstand allgemeinen Interesses?

Dennoch bleibt die Frage: warum ist das Schlagwort „Differenzierung“ aktuell auch fernab der bildungswissenschaftlichen Elfenbeintürme von Interesse? Warum scheint der „one size fits all“-Ansatz der Vergangenheit keine Zukunft zu haben? Darauf gibt es im Wesentlichen zwei Antworten.

Die erste hat mit uns als Gesellschaft zu tun: Wesentliche demographische Umwälzungen sind im Begriff, unser Schulwesen signifikant zu verändern. Zum einen führt die relative Kinderarmut unserer Gesellschaft dazu, dass  in den kommenden Jahrzehnten immer weniger Schüler die Infrastruktur unseres Bildungswesens nutzen, was zur Folge hat, dass in großen Bildungsreformen klassische Schulformen zusammengelegt werden; allein im letzten Jahrzehnt war das in mehr als zehn Bundesländern der Fall. Waren die Schülerschaften der klassischen Schulformen Hauptschule, Realschule, Gymnasium in der Vergangenheit vergleichsweise homogen (wenn auch zum Teil auf Kosten der Bildungsgerechtigkeit), so müssen Werkrealschulen, Gesamtschulen, oder Stadtteilschulen versuchen, mit größerer Heterogenität umzugehen. Zum anderen hat der Status Deutschlands als Einwanderungsland dazu geführt, dass vor allem in Großstädten ein signifikanter Anteil der neuen Schüler einen Migrationshintergrund und damit zumeist einen nicht-deutschen Sprachhintergrund aufweist. Letzterer bedingt in vielen Fällen unbestritten einen größeren Bedarf an individueller Förderung mit sich.

Die zweite Antwort liegt in einer im Wandel begriffenen Umwelt und einem sich immer schneller verändernden (und in großen Teilen globalisierten) Arbeitsmarkt. Der vermeintlich abgedroschene Spruch „Lehrer von gestern bringen Schülern von heute Dinge bei, die sie morgen benötigen werden“ ist nicht ohne einen Funken Wahrheit: Nie war es so schwierig, die zukünftigen Anforderungen des Arbeitsmarktes belastbarer einzuschätzen. Aus einer landwirtschaftlich und industriell geprägten Wirtschaft ist eine Informationsökonomie geworden, und es liegt auf der Hand, dass wir die Bürger und Arbeitskräfte der Zukunft nicht mit den industriellen Methoden der Vergangenheit ausbilden dürfen.

Wie findet Differenzierung statt und wie kann sie gelingen?

Dass die Kultusministerien die Bedeutung der Binnendifferenzierung (d.h. die Differenzierung innerhalb von Klassenverbänden) verstanden haben, ist nicht zuletzt daran fest zu machen, dass Lehrpläne vermehrt kompetenz- statt inhaltsorientiert sind. Auf Neudeutsch: der Output ist wichtiger als der Input, die Zielsetzungen messen sich am Schülererfolg, nicht am zu vermittelndem Stoff. Zumindest auf dem Papier, denn ganz salopp gesagt: zwei Paar Schuhe zu schneidern wird immer einen größeren Aufwand erfordern, als es bei einem Paar zu belassen – und viel zu oft fehlen Ressourcen, um den Zielen auch gerecht zu werden; in der Planung, in der Durchführung, in der Analyse.

Aber wie kann Differenzierung dennoch gelingen? Die einfachste (und zugleich zu einfache) Antwort lautet: mehr „Ressourcen“, in Form von kleineren Klassen, zusätzlichem Lehrpersonal, schulexternen Experten, Ganztagsbetreuung. Das Prinzip „mehr Augen sehen mehr“ wird in vielen Schulen bereits erfolgreich angewendet; beispielsweise durch Team-Teaching oder Einzelförderung (sowohl zeitlich  parallel als auch nachgelagert). Auch nicht-personenbezogene Investitionen spielen eine Rolle; das Schaffen von Lernorten, an denen Schüler  nach eigenem Gusto individuell oder in Kleingruppen also nicht starr im Klassenverband lernen müssen, macht Differenzierung möglicher.

Komplexere Antworten finden sich vor allem in dem Bereich der Unterrichtsmethodik aber auch im technologischen Fortschritt. Schülerzentrierte Unterrichtsmethoden (d.h. Methoden, die den Lehrer tendenziell aus dem Unterrichtsgeschehen nehmen) setzen Zeit- und Analyseressourcen frei, um individuelle Stärken und Entwicklungspotentiale zu identifizieren und zu adressieren. Die Einbindung von stärkeren (oder älteren) Schülern bei der Vermittlung von Inhalten an schwächere (oder jüngere) Schüler ist kein Nullsummenspiel. Das Konzept des „umgedrehten Klassenzimmers“ (engl.: flipped classroom), bei dem Schüler zuhause neuen Stoff in eigenem Tempo und mit Unterstützung selbstgewählter Lernmaterialien erarbeiten und der Lehrer in der ihm zur Verfügung stehenden Zeit die Fortschritte analysiert und festigt, drehen auch die Rolle des Lehrers um – anstelle des Unterrichtens tritt ein analytisches Testing und Coaching.

Technologie spielt bei jeder der drei Phasen – Planung, Durchführung, Analyse, eine entscheidende Rolle. Technologie führt zumeist zur Einsparung von Zeit, Kosten oder anderen Ressourcen. Technologieprodukte (wie die vom Bildungsministerium der Stadt New York entwickelte Mathematiksoftware School of One) erlauben es dem Lehrer, mit begrenzten Mitteln verschiedene Schülergruppen (oder gar jeden einzelnen Schüler) differenziert anzusprechen und zu fördern. Software wie Socrative ermöglicht es Lehrerinnen und Lehrern, die Reaktion der SuS auf  Aufgaben und Spiele via Smartphone, Laptops und Tablet-PCs zu messen – individuell und in Echtzeit.

Mit meinUnterricht.de setzen wir aktuell im Bereich der Vorbereitung an und schaffen Lehrkräften Zugang zu tausenden von digitalisierten Unterrichtsmaterialien aus bekannten Fachverlagen, die sie u.a. basierend auf Schlagwörtern und Filtern einfach durchsuchen können – Mitglieder sparen Zeit und finden auch inhaltlich eine große Bandbreite an Material, mit denen Sie den Unterschieden ihrer Schülerinnen und Schüler gerecht werden können. Unser Ziel ist es dabei, einen relevanten Beitrag zur Entlastung von Lehrerinnen und Lehrern zu leisten. Wir stellen die Lehrkraft in den Mittelpunkt unserer Arbeit, da wir daran glauben, dass sie die wichtigste Einflussgröße für Unterrichtsqualität und Schülererfolg ist.

Was denken Sie?

Wir wollen gerne mit Ihnen in einen konstruktiven, chancenorientierten Dialog zu treten – wo kann Technologie Lehrkräfte noch besser bei einer schülergerechten, individuellen Ansprache unterstützen? Wo versagen technische Hilfsmittel derzeit noch, und wo werden sie wahrscheinlich auch in Zukunft nicht greifen? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

Jetzt kostenlos registrieren und 5 gratis Arbeitsblätter auswählen

Indem ich mich registriere, stimme ich den AGB und den Datenschutzbestimmungen zu. Ich bekomme in regelmäßigen Abständen Empfehlungen für Unterrichtsmaterialien und kann mich jederzeit abmelden, um keine E-Mails mehr zu erhalten.