Lieber vorbeugen als auf Sanktionen setzen – Teil 1: Automatisch einsetzende Sanktionen

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„Immer muss ich vor die Tür – die Anderen müssen nie. Dieser Lehrer hat was gegen mich. Ich bin doch nicht blöd und mach bei dem noch was.” beklagte sich bei mir ein Schüler während meiner Tätigkeit beim Schulpsychologischen Dienst Graubünden in der Schweiz. Für seine Lehrperson steht damit Schwerstarbeit an. Die Haltung des Schülers zu ändern erfordert enormen Einsatz, Geduld und hohe Kompetenz. 

Dies ist der erste Teil einer insgesamt zwölfteiligen Beitragsreihe unseres geschätzten Gastautors Christoph Eichhorn. Die Reihe beschäftigt sich mit dem Thema Regeln und Bestrafungen, wobei vor allem das Vorbeugen von Bestrafungen im Vordergrund steht. In jedem Teil wird ein Aspekt des Themas näher beleuchtet. Im ersten Teil geht es um die automatisch einsetzenden Konsequenzen auf Regelverstöße.

Sanktionen sind für Organisationen unentbehrlich

Damit Organisationen ihren Aufgaben und Zielen erfolgreich nachgehen können benötigen sie Sanktionen, um gegen Mitglieder, die gegen zentrale Regeln oder Gesetze der Organisation verstoßen, vorgehen zu können. Entsprechend sind sie auch weit verbreitet und vor allem für einen reibungslosen und fairen Schulalltag unabdingbar.

Sanktionen als Beziehungsrisiko

Sanktionen werden auch in der pädagogischen Literatur immer wieder empfohlen. Die damit verbundenen Nachteile, nämlich, dass sie ein erhebliches Beziehungsrisiko darstellen, wie das einleitende Fallbeispiel zeigt, werden aber zu selten vertieft angesprochen. Noch weniger, welche alternativen Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen. Darauf geht diese Serie ein.

Immer mehr Eltern sind gegen Sanktionen

Fallbeispiel: Immer, wenn Kevin zu spät zum Unterricht kam, musste er die Zeit, die er zu spät kam, nachholen. Eines Tages rief mich seine Mutter an. Sie sagte, „Kevin lernt nicht gerne und geht nicht gerne in die Schule. Oft muss ich ihn morgens lange überreden, dass er überhaupt noch geht. Jetzt habe ich Angst, dass, wenn er so oft bestraft wird, er gar nicht mehr in die Schule gehen möchte. Was soll ich machen?“

Viele Eltern befürchten zu Recht, dass sich derartig einfach konstruierte Sanktionssysteme negativ auf die Schulmotivation ihres Kindes auswirken könnten. Viele teilen ihre Meinung, dass sie von Sanktionen nichts halten, ihrem Kind offen mit. Das wiederum reduziert die Bereitschaft des Kindes, mit seiner Lehrkraft zusammen zu arbeiten. 

Ein Fallbeispiel dazu:

Eine Lehrkraft gab einer Schülerin die Anweisung ein Arbeitsblatt auszufüllen. Da sagte die Schülerin, „meine Mutter hat gesagt, wenn ich nicht will, muss ich hier nicht mitmachen – und Strafarbeiten dürfen Sie mir auch keine mehr geben.“

Unangemessenes Verhalten – Sanktion

Fallbeispiel: In Schule A informieren die Lehrpersonen die Eltern ihrer Schülerinnen und Schüler jedes Mal, wenn eine Schüler*in die Hausaufgaben nicht dabei hat – ein sehr sinnvoller und wichtiger Schritt. In Schule A geht man davon aus, dass die SuS in diesem Fall die Hausaufgaben nicht gemacht haben. Bei der dritten fehlenden Hausaufgabe wird automatisch ein Verweis erteilt, über den die Eltern direkt informiert werden.

Können automatisch einsetzende Sanktionen der jeweils einzigartigen Situation der Schüler*innen gerecht werden?

Du ahnst die Antwort vermutlich schon – eher nicht. Was den Leistungsbereich angeht, differenzieren viele von uns ja schon sehr vorbildlich. Auch was unangemessenes Verhalten unserer Schüler*innen anbelangt, gehen viele individuell vor. Der Lehrberuf ist aber auch sehr anspruchsvoll und extrem komplex. Da kann es vorkommen, dass man Sanktionssysteme, bei denen auf Fehlverhalten automatisch eine Sanktion erfolgt, als hilfreich ansieht. Dazu trägt auch die pädagogische Literatur bei, die diese Form von Sanktionen immer wieder empfiehlt. 

Aber schauen wir uns die Dinge genauer an. Dazu nehmen wir als Beispiel, das Zu-Spät-Kommen von Schülerinnen und Schülern. 

Fallbeispiel 1: Jens kommt zu spät: Der 14-jährige Jens kommt gut gelaunt zehn Minuten zu spät. Sein Lehrer sagt, „guten Morgen Jens, du bist zu spät.“ „Ei, was denn – nur 10 Minuten“ antwortet Jens. 

Fallbeispiel 2: Robin kommt zu spät: Mit Tränen in den Augen und bedrückt kommt der 11-jährige Robin zehn Minuten zu spät. 

Fallbeispiel 3: Remzije kommt zu spät: Auch die 13-jährige Remzije kommt öfters zu spät. 

Fallbeispiel 4: Kira kommt zu spät: Die 8-jährige Kira kommt schon in der ersten Schulwoche zu spät. Ihre Lehrperson hat den Eindruck, sie wirkt traurig.

Sanktionen haben bisher keine Verbesserung gebracht. Schauen wir uns die Hintergrundinformation zu den drei Fallbeispielen an.

Gründe des Zu-Spät-Kommens abklären

Schauen wir uns die Gründe an, wegen denen die vier Schüler*innen zu spät kommen:

  • Jens kommt häufig zu spät.
  • Robin ist noch nie zu spät gekommen – seine Eltern haben verschlafen.
  • Eines Tages vertraut Remzije der Schulsozialarbeiterin an, „wenn meine Mutter Frühschicht hat, muss ich mich um Daniela kümmern.“ Daniela ist Remzijes jüngere Schwester.
  • Einige von Kira`s Mitschüler*innen passten die 8-jährige und eher schüchterne Kira auf dem Schulweg ab. Es gab Schimpfworte, Schubsen und Rempeleien. Die auch körperlich schwächliche Kira fühlte sich ihren Peinigern gegenüber hilflos ausgeliefert. Sie war gleichzeitig wütend und sehr gekränkt. Zu Hause beim Abendessen berichtete sie unter Tränen von dem Vorfall. Ihre Eltern stuften diesen als Mobbing ein und waren sehr besorgt (einige dieser Fallbeispiele sind teilweise angelehnt an Bartnitzky, 2014).

Automatisch einsetzende Sanktionen haben den Vorteil, dass sie Lehrpersonen und oft auch Schülerinnen und Schülern Sicherheit beim Vorgehen bieten. Das ermöglicht vielen Lehrpersonen, sachlich und unaufgeregt zu handeln, einer der zentralen Punkte bei der Intervention auf Störungen im Klassenzimmer. Mehr dazu in Eichhorn, 2018. Aber sie werden der individuellen Situation unserer SuS nicht immer gerecht.

Die Lehrperson bietet den SuS Unterstützung an, bevor eine Sanktion eintritt 

Fallbeispiel: In Schule B informieren die Lehrpersonen die Eltern ihrer Schüler*innen, wenn diese die Hausaufgaben nicht in der Schule dabei haben. Auch Schule B geht dann davon aus, dass die SuS in diesem Fall die Hausaufgaben nicht gemacht haben. Wenn eine Schüler*in die Hausaufgaben viermal nicht dabei hat, wird ein Verweis erteilt, von welchem die Eltern eine Kopie erhalten. Soweit gehen beide Schulen sehr ähnlich vor.

Wie Schule B ihre Schülerinnen und Schüler unterstützt: Wenn eine Schüler*in der Schule B die Hausaufgaben aber schon zweimal nicht dabei hat, bittet die Lehrperson zu einem Einzelgespräch. Sie sagt freundlich und sachlich zu ihm, „Hallo Paul – gell, Hausaufgaben machen kann manchmal richtig mühsam sein, oder?“ Dann macht sie eine kurze Pause, um Paul zu Wort kommen zu lassen. Ihr Ziel ist es in dieser Phase des Gesprächs, mit Paul über dessen negative Emotionen im Zusammenhang mit dem Hausaufgaben-machen ins Gespräch zu kommen. 

Dann fährt sie, wieder freundlich und sachlich, fort, „ich habe gesehen, dass du zwei Mal die Hausaufgaben nicht dabei hattest. Du weißt doch, dass du beim vierten Mal einen Verweis erhältst. Das willst du vermutlich nicht. Ich bin gerne bereit, dich bei den Hausaufgaben zu unterstützen, damit du diese schaffst.“ 

Die wichtigsten Aspekte dieser kurzen Einleitung sind:

Leidanerkennung: Also, „gell, Hausaufgaben machen kann manchmal richtig mühsam sein.“ So bezeichnen Psychologen die erste Phase dieses Gesprächs. Dabei gibt die Lehrperson dem Schüler zu verstehen, dass sie seine Schwierigkeiten nachvollziehen kann. Damit schafft sie eine positive emotionale Verbindung zu ihrem Schüler. Ein wichtiger Schritt, für das weitere Gespräch.

Mit einer Sanktion „drohen“: Um dem Schüler den Ernst der Lage zu verdeutlichen und um ihn zu bewegen, sich auf ein Gespräch mit seiner Lehrperson einzulassen, droht die Lehrperson mit einem Verweis. Das macht sie aber höflich und sachlich. Sie enthält sich jeglicher Vorwürfe, Moralisierungen usw., sie sagt zum Beispiel nicht, „so schwer waren doch die Hausaufgaben gar nicht“, oder „wundert mich nicht, dass du mit den Hausaufgaben Probleme hast, wenn du nie aufpasst, wenn ich sie erkläre“. 

Hilfe anbieten: Sie bietet dem Schüler, direkt im Anschluss an die Drohung mit der Sanktion, an, ihm zu helfen.

Das Beispiel zeigt etwas sehr Wichtiges. Nämlich dass viele Lehrpersonen bereit sind, sich in besonderer Weise für das Wohlbefinden ihrer Schülerinnen und Schüler zu engagieren. Es wäre doch für unsere gesamte Gesellschaft von großem Nutzen, wenn Presse, Öffentlichkeit und Politik dies stärker würdigen würden.

Im nächsten Teil dieser Serie erhältst du weitere Anregungen, wie du als Lehrkraft deine Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen kannst, eine drohende Sanktion abzuwenden.

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Stören des Unterrichts: Zusatzaufgaben bei Fehlverhalten

Die SuS schreiben Regeln zum Verhalten im Unterricht auf und malen ein passendes Bild dazu. Sie beantworten Fragen zu ihrem Fehlverhalten und dessen Folgen. Die Lernenden lesen danach einen Text und beantworten Fragen. Sie malen zudem ein Bild zum Text.

Didaktik-Methodik | Förderschule | 5-9 Klasse | 6 Seiten | Persen

Keywords: Didaktik-Methodik_neu, Klassenmanagement und -organisation, Konflikte, Klassenklima, Umgang mit Störungen, Verhaltensregeln, Formulieren von Regeln

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Über den Autor

Christoph Eichhorn ist Lehrbeauftragter für Classroom-Management an den Universitäten Zürich, Konstanz, Tübingen und an Pädagogischen Hochschulen in Deutschland und Österreich. Er bietet Workshops und Vorträge zu Themen wie „Interventionen bei Stören“ oder „Classroom-Management“ an. 

www.classroom-management.ch

Sein wichtigstes Buch

buchcover_eichhorn

Eichhorn, C. (2018): Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören

  • Die wirksamste Störungsprävention
  • Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen
  • Interventionsleitlinien bei großen Störungen (2018)
  1. überarbeitete Auflage.

Das Buch kann nur über amazon bezogen werden.

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