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Gute Beziehungen: mehr Freude im Unterricht (Beziehungen aufbauen, Teil 1/3)

Classroom-Management geht davon aus, dass gute Lehrer-Schüler-Beziehungen kein Zufall sind, sondern ein Resultat von innerer Haltung, guter Planung und konsequentem Beziehungshandeln. Diese Artikelserie gibt dir dazu konkrete und zahlreiche, leicht umsetzbare Hinweise.

Du wünscht dir gute Beziehungen zu deinen Schülerinnen und Schülern (SuS)?

Classroom-Management geht davon aus, dass gute Lehrer-Schüler-Beziehungen kein Zufall sind, sondern das Resultat von innerer Haltung, guter Planung und konsequentem Beziehungshandeln.

Der erste Beitrag dieser dreiteiligen Serie gibt dir praxiserprobte und leicht umsetzbare Hinweise für den ersten Schultag.

Zu den meisten SuS (Schülerinnen und Schülern) klappt der Beziehungsaufbau reibungslos. Aber in fast allen Klassen hat es einen oder mehrere SuS, bei denen das nicht so einfach ist. Das sind oft SuS mit herausforderndem Verhalten, zurückgezogen-ängstliche und solche mit langanhaltenden schulischen Schwierigkeiten. Wenn es nicht gelingt, gerade zu diesen eine gute Beziehung aufzubauen, dann stagniert sowohl die Persönlichkeits-, als auch die schulische Entwicklung dieser SuS (Hagedorn, 2017). Sie stören mehr und kooperieren weniger, was auf Kosten der Lehrpersonen-Schüler-Beziehung geht, weil die L häufiger eingreifen und ermahnen muss. Viele L erleben solche Situationen als belastend (Schaarschmidt, Kischke, 2007). Die Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit diesen S wirken sich auch auf die anderen SuS dieser Klasse aus. Die L hat dann nämlich für diese weniger Zeit, Energie und Nerven.

 

Gute L-S-Beziehung – wirksamer als die besten Präventionsprogramme

Bei guten L-S-Beziehungen zeigen die Schülerinnen und Schüler,

– mehr prosoziales Verhalten,

– über 50% weniger aggressives Verhalten – ein Wert, der die besten Präventionsprogramme übertrifft,

– weniger Disziplinprobleme,

– mehr Kooperation mit ihren Lehrpersonen

– und sie lernen intensiver und mehr (Obsuth, 2016).

 

Der Aufbau einer guten Beziehung beginnt vor der ersten Begegnung

Im Classroom-Management spielen gute Vorinformationen über die zukünftigen SuS eine sehr bedeutsame Rolle. Denn das ermöglicht der Lehrperson ihren Unterricht passgenauer auf diese abstimmen. Z.B., was braucht der Schüler, um es von der ersten Lektion an gut zu machen? Was kann er schon gut? Was sind seine Stärken, Interessen und Hobbies? Wie kann ich an diese anknüpfen? Welche Unterstützung braucht er, usw. (Eichhorn, 2018).

 

Neues Schuljahr, erster Schultag

Frau Dünner hat sich auf diesen Tag gut vorbereitet. Jetzt spürt sie aber schnell, dass ihr eine Schülerin ihrer neuen Klasse, Roberta, gar nicht liegt. Roberta benimmt sich sehr herausfordernd, kommt Anweisungen nur zögerlich nach und hat aus Frau Dünners Sicht eine irgendwie provozierende Art. Was jetzt?

 

Sympathien sind ungleich verteilt

Es kann hilfreich sein, sich klar zu machen: Wir können uns unsere SuS nicht aussuchen und umgekehrt. Von daher ist es keine Überraschung, wenn einem ein S nicht liegt. Vielen L hilft, wenn sie sich klar machen: Im Innersten will es auch diese Schülerin gut machen – so wie ich auch. Auch wenn es ihr nicht immer gelingt.

 

Besser nicht immer authentisch handeln

Immer wieder hören wir, wir sollten doch authentisch handeln. Das ist häufig ja sinnvoll – aber nicht immer. Viele Lehrpersonen handeln in einer Situation, wie sie Frau Dünner vor sich hat, so, dass sie erst einmal einer Schülerin wie Roberta intuitiv aus dem Weg gehen. Innerlich spüren sie, „es gibt doch so viele andere, mit denen der Kontakt und der Beziehungsaufbau richtig schön und angenehm sind. Warum soll ich mich dann so viel mit Roberta beschäftigen“.

 

SuS mit herausforderndem Verhalten, so Brophy (2004),

– stehen unter erhöhter Beobachtung ihrer Lehrperson, anders gesagt, ihr Stören fällt der Lehrperson besonders schnell auf,

– sie werden öfter kritisiert und ermahnt als andere,

– sie erhalten weniger Anerkennung und Lob,

– ihre Lehrpersonen haben zu ihnen so gut wie keine informellen Kontakte.

 

Also genau die Schülerinnen und Schüler, die mehr emotionale Unterstützung benötigen, erhalten manchmal weniger. Das fördert einen ungünstigen Kreislauf, der sich aus Stören und Ermahnen hochschaukelt. Mit dem Ergebnis, dass es der L immer schwerer fällt, unvoreingenommen auf ihre Schülerin zuzugehen.

 

Vor allem auf die Schüler zugehen, die einem nicht liegen

Classroom-Management empfiehlt also genau das Gegenteil von dem zu tun, was Frau Dünner jetzt spontan macht. Nämlich, vor allem auf diese Schülerinnen und Schüler aktiv zuzugehen. Und mit „vor allem“ ist gemeint, sich auch im Voraus zu überlegen, wie genau (Eichhorn, 2018).

 

Auf Positives achten

Eine Empfehlung für Frau Dünner kann jetzt sein, besonders aufmerksam auf Roberta zu achten und zwar darauf, was diese Positives macht oder wo sie sich angemessen verhält und mit ihrer Lehrerin kooperiert. Keine leichte Aufgabe. Das zeigt einmal mehr, wie anspruchsvoll der Lehrberuf ist.

 

Management by walking around

Die Schülerinnen und Schüler von Frau Dünner sollen ein Arbeitsblatt in Stillarbeit ausfüllen. Frau Dünner, die viel im Klassenzimmer unterwegs ist, also management by walking around (Eichhorn, 2018) intensiv nutzt, begibt sich schon im Voraus in Robertas Nähe. Als sie sieht, dass Roberta beginnt, das Arbeitsblatt zu bearbeiten, flüstert sie ihr ins Ohr, „du bist auf dem richtigen Weg, Roberta, prima“. Ähnlich geht sie bei ihren anderen Schülerinnen und Schülern vor.

 

Im weiteren Verlauf dieser Stunde achtet sie weiterhin besonders auf angemessenes Verhalten von Roberta, zum Beispiel als diese sich meldet, um etwas zu sagen, statt wie bisher, einfach rein zu rufen. Auf ihrer „Erinnerungskarte“ – siehe unten – notiert sie, „hat sich gemeldet“.

 

Name der SuS

Hobbies & Interessen

Positives aus dem Unterricht

Was ich dem S morgen früh Positives zuflüstern könnte

Alexandra

Reiten, Tiere

Hat sich gemeldet

„Schön, dass du dich gestern so gut gemeldet hast, Alexandra.“

Cengiz

Fussball, Karate

Hat Roberta geholfen

„Cengiz, gestern hast du doch Roberta geholfen – das war klasse, vielen Dank.“

Roberta

Tanzen, Beauty

Gute Einzelarbeit

„Bei der Einzelarbeit hast du gestern konzentriert mitgearbeitet – das war richtig gut, Roberta.“

Die Erinnerungskarte

In diesem Beispiel hat sich die Lehrperson dafür entschieden, die Erinnerungskarte fokussiert auf drei ihrer SuS anzuwenden. Das könnte sie natürlich auch auf die ganze Klasse ausdehnen. Sie muss dann ja auch nicht jeden Tag für alle SuS etwas eintragen.

 

Management by walking around – ein einfacher und wirksamer Weg beim Beziehungsaufbau

In der Literatur, z.B. Kounin (1976), lesen wir, dass management by walking around, also im ganzen Klassenzimmer unterwegs sein, vor allem dazu dient, Störungen frühzeitig und unauffällig eindämmen zu können. Das ist richtig und sehr wichtig. Erfasst aber bei weitem nicht das Potential von management by walking around. Mindestens so wichtig ist nämlich, management by walking around zum Beziehungsaufbau zu nutzen und um Schülerinnen und Schüler unauffällig unterstützen zu können.

 

Management by walking around konkret

Es gibt kaum eine andere Möglichkeit, so einfach und unkompliziert eine Beziehung zu seinen SuS aufzubauen, wie management by walking around. Während Frau Dünners SuS am Arbeitsblatt arbeiten, läuft sie durch die Reihen. Immer wieder neigt sie sich zu einem ihrer Schüler hinunter, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Wie z.B. „gut gemacht, Dario“, „die erste Aufgabe hast du schon gelöst, Ruben“, „alles richtig, Carmen“ usw. Dieses Vorgehen hat zwei bedeutende Vorteile:

– Frau Dünner kann zu ihren SuS unkompliziert und mit minimalem Zeitaufwand einen positiven Kontakt herstellen,

– für ihre SuS wird es nach kurzer ganz selbstverständlich, dass sich ihre Lehrerin so verhält.

 

Der nächste Beitrag zeigt dir, wie Frau Dünner in den folgenden Tagen ihre Beziehung zu Roberta weiter vertieft. Und wie du das in deinem Unterricht nutzen kannst.

Copyright: Christoph Eichhorn (www.classroom-management.ch)


Über den Autor

Christoph Eichhorn ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Lehrbeauftragter für Classroom-Management an den Universitäten Zürich, Konstanz und der PH Weingarten. Sein Buch „Classroom-Management: Wie Lehrpersonen, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten“, Klett-Cotta, erreicht im Herbst 2018 die 10. Auflage.

 

Literatur

Alle hier erwähnten Literaturangaben findest du in:

Eichhorn, C. (2018): Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören. Die wirksamste Störungsprävention. Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen. Interventionsleitlinien bei großen Störungen. CreateSpace Independent Publishing Platform.