Der systemische Lehrer

Evgenia Danilevic Veröffentlicht am
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Jürgen PfannmöllerJürgen Pfannmöller ist studierter Wirtschaftswissenschaftler mit reicher beruflicher Erfahrung in der Finanzbranche. Seit seinem Referendariat als Berufsschullehrer im Jahr 2004 ist er in der Lehre aktiv. Nach zwei absolvierten systemischen Fortbildungen ist er seit 2007 auch als Beratungslehrer tätig. Sein Interesse gilt vor allem der Übertragung systemischer Formate auf der Schulunterricht und schülerorientierter und problemorientierter Unterricht. Eben diese Themen behandelt auch sein im letzten Jahr erschienenes Buch „Der systemische Lehrer“, in dem er durch anschauliche Beispiele zeigt, wie Erkenntnisse aus der systemischen Forschung im Schulunterricht angewendet werden können. 

Hier eine Leseprobe aus dem Buch „Der systemische Lehrer“ von Jürgen Pfannmöller:

1 Einleitung und Überblick

Dieses kleine Handbuch ist eine Einleitung für systemisch interessierte Lehrer. Der systemische Ansatz blickt darauf, in welchem Zusammenhang (System) ein Problem entsteht und wie es aufrechterhalten wird. Am Beispiel typischer Schulsituationen möchte ich Ihnen Anregungen geben, welche Haltungen und Methoden neue Handlungsmöglichkeiten im System Schule eröffnen. Üblicherweise werden die systemischen Formate in der Beratung von Schülern eingesetzt. Darüber hinaus bieten sich durchaus charmante Ansätze, dieses Wissen im Schulalltag einzusetzen. Mit kleinen Geschichten aus dem Blickwinkel des Ich- Erzählers wird systemisches Denken und Handeln praxisnah vorgestellt und gezeigt, wie sich einzelne Methoden im Unterricht, vor dem Klassenraum, zwischen Tür und Angel oder in einem Beratungszimmer nutzen lassen. Die Dialoge beschränken sich auf das Wesentliche, damit die grundsätzliche Gesprächsstruktur nachempfunden werden kann. Das systemisch-lösungsorientierte Handeln lebt sehr stark vom eigenen Erleben. Deshalb würde es mich freuen, wenn ich Sie zum eigenen Ausprobieren anregen könnte. Ich wünsche  Ihnen viel Vergnügen und spannende Erfahrungen!

Bild aus Text blog

Abb. 1: Einstieg in die systemische Beratung1.1

 

Systemisches Denken im Lehreralltag – »Haben Sie Lust auf ein Experiment?«

Der Einstiegscartoon deutet bereits die systemische Haltung und den typischen Beratungseinstieg an. Als systemischer Berater versuche ich herauszufinden, welche Einleitung und Überblick Umstände (Kontext) ein Schüler benötigt, um ein Problem zu konstruieren. Also: Was tut er, damit er das Problem bekommt? Oder was müsste er tun, um das Problem noch zu verschlimmern? »Aber wieso sollte jemand daran interessiert sein, das Problem auch noch zu verschlimmern?«, werden Sie vielleicht fragen. Nun, wer sein Problem verändern kann, hat auch die Fähigkeit, es aus eigener Kraft wieder loszuwerden. Sobald sich der Schüler bewusst wird, dass er selbst der »Täter« seines Problems ist, beginnt er sich von der Hilflosigkeit zu trennen. In diesem Zusammenhang sagt Peter Herrmann: »Wir müssen uns von der Idee des schwachen Menschen verabschieden.« Als systemischer Berater vertraue ich darauf, dass nur der Schüler weiß, wie sein Problem gelöst  werden kann, und dass er die Lösung bereits in sich trägt.

Eventuell hat Ihnen schon einmal ein Schüler von seinen Schwierigkeiten mit dem Fach Mathematik erzählt. Wahrscheinlich konnten Sie beobachten, an wie viele Misserfolge der Schüler sich erinnerte und wie er immer tiefer in ein negatives Gefühl eingestiegen ist. Deshalb richtet sich die systemische Aufmerksamkeit in allen Gesprächen auf die Fähigkeiten und Ressourcen des Schülers, ohne einen langwierigen Umweg über die Ursachen des Problems einzuschlagen.

1.2 Überblick über die Kapitel

Im zweiten Kapitel wird dargestellt, wie man mit der neugierigen Fragehaltung das eigentliche Problem aufspürt, um dann eine Zukunftsvision zu entwickeln, die den Klienten magisch anzieht. Unterschiedliche Situationen eignen sich für Verstärken, Konditionieren durch Lob. Wobei auch deutlich wird, dass ein Problem oft auch einen positiven „Sekundärnutzen“ hat. Schließlich wird verdeutlicht, dass Musterveränderungen immer eine Perturbation, also eine gründliche Verwirrung, benötigen.

Im dritten Kapitel wird die Arbeit mit dem inneren Team am Beispiel von Entscheidungssituationen und inneren Konflikten geschildert.

Das vierte Kapitel geht auf die Arbeit mit limitierenden Glaubenssätzen ein. Überdies wird gezeigt, wie sich der Erfolg der Beratung durch den »Ökocheck«, der innere Widersprüche zu der Lösung abfragt, testen lässt. Schließlich geht es darum herauszufinden, was der Klient macht, um sein Problem zu bekommen, um ihn dann zu einer alternativen, Ressourcen aktivierenden Strategie anzuregen.

Im fünften Kapitel veranschaulichen zwei Übungen zum »Dramadreieck«, wie Konflikte ablaufen. Weiterhin wird enthüllt, wie ich es als Lehrer »hinbekomme«, meine Lösungskompetenz über Bord zu werfen und mich in das Problem des Anderen zu verstricken. Schließlich wird mithilfe der Transaktionsanalyse illustriert, wie eine Kommunikation auf der Erwachsenenebene »Rapport«, also eine andere Beziehung, zum Schüler ermöglicht.

Im sechsten Kapitel wird dargestellt, wie man mithilfe von paradoxen Interventionen störendes Schülerverhalten zur Musterunterbrechung nutzen kann.

Das siebte Kapitel demonstriert den Ablauf von systemischen Rollenspielen, wobei auch illustriert wird, wie Rollentausch, »Doppeln« und das Hinzufügen weiterer Rollen geschieht. Auch mithilfe des Psychodramas kann der Protagonist zu einer nachhaltigen Veränderung angeregt werden. Abschließend wird das Format des Modelllernens, bei dem der Klient in die Haut eines Vorbildes schlüpft und intuitiv von ihm dazulernt, vorgestellt. Alle Fallbeispiele wurden verändert und anonymisiert.

2 Grundlagen systemischer Beratung

Jede systemische Beratung umfasst die Punkte Auftrag, Problem, Ziel, Transparenz und Verstrickung. Konkret heißt das:

• »Handle nie ohne Auftrag!«
• »Steig bei der Problemschilderung nicht zu tief in das Gefühl ein!«
• »Lass den Klienten ein positives Ziel formulieren, das er aus eigener Kraft erreichen kann!«
• »Bleib als Berater transparent bei dem, was du tust!«, und
• »Übernimm nicht die Erklärungen des Klienten!«

Die folgenden Fälle behandeln thematische Schwerpunkte, wobei die Lehrer-Schüler-Kommunikation in unterschiedlichen Systemen wortwörtlich zur Sprache kommt: in Schulklassen sowie mit einzelnen Schülern, Lehrern und Eltern. Das Vorgehen wird jeweils auch theoretisch erläutert.

 

2.1 Wie löse ich Probleme in der kleinen Pause?

Nach der Stunde spricht mich Jenni an: »Ich muss mal mit Ihnen reden. Ich bin total demotiviert. Von meiner alten Schule habeich ein ganz gutes Zeugnis. Dann hat mir Herr Grass empfohlen, ich solle hier noch das eine Jahr machen, um meinen qualifizierten Realschulabschluss zu bekommen. Jetzt habe ich schlechte Deutsch- und Englischnoten wiederbekommen, weil ich nicht gelernt habe. Nun stehe ich schlechter da als vorher und verschwende hier meine Zeit. Deswegen bin ich total sauer auf Herrn Grass. Und dann drückt der mir auch noch in Mathe im Mündlichen eine Fünf rein. Anscheinend war das Niveau auf meiner alten Schule doch nicht so hoch, wie ich dachte. Ich hab echt keine Lust mehr …«

Methodische Überlegungen: Im ersten Moment identifiziert man sich wahrscheinlich reflexartig mit dem Problem und überlegt angestrengt, was man selbst tun oder sagen könnte, um Jenni wieder zu motivieren. Im Systemischen gehe ich gänzlich anders vor: Zuerst versuche ich eine möglichst genaue Vorstellung von dem Problem zu bekommen und gehe dafür in eine »neugierige Fragehaltung«. Dafür brauche ich keine eigene Vorstellung von der Lösung zu haben, sondern ich vertraue darauf, dass Jenni die Lösung kennt. Ich spreche die Fragen aus, die ich mit ihren Erzählungen  assoziiere, lasse Humor einfließen, indem ich auch »blöde Fragen« stelle, und versuche herauszufinden, was sie tut, um das Problem zu bekommen.

Ich: »Und was wollen Sie jetzt machen?«
Jenni: »Was ich machen will? Mmh … Nichts mehr. Ich sitze jetzt hier noch das Schuljahr ab, und dann bewerbe ich mich wieder  mit dem alten Zeugnis.«
Ich: »Und wie machen Sie das: nichts?« (Blöde Frage)
Jenni: »Ich sitze einfach hier rum und mach nix.« Sie schaut mich griesgrämig an.
Ich: »Gucken Sie dann auch so wie jetzt?«, lächle ich sie freundlich  an. Gequält lächelt sie zurück.
Jenni: »Ach wissen Sie, hier ist alles Mist … Im nächsten Schuljahr bin ich auf einer anderen Schule und fange ganz von vorne an.«
Ich: »Ach so, und kurz vor Weihnachten sitzen Sie dann vor Ihrem neuen Klassenlehrer und erzählen ihm, dass Sie vor zwei Jahren  ein besseres Zeugnis hatten und dass Sie im letzten Jahr ein schlechtes Zeugnis hatten und jetzt schon wieder und dass Sie  demotiviert sind?« Methodisch gesehen ist es wichtig, bis in den hintersten Winkel meines Bewusstseins frei davon zu sein, sie auf eine Lösung lenken zu wollen. Die Frage ist bewusst etwas  verwirrend gestellt, um die Gedanken der Schülerin in Unordnung zu bringen.
Jenni: »Sie wollen nur, dass ich was mache.«
Ich: »Nö. Wissen Sie, wenn Sie keinen Bock mehr haben, dann sehe ich Sie ja eh’ bald nicht mehr. Und ich habe ja auch keinen  Einfluss darauf, was Sie tun.«
Jenni: »Eigentlich wollte ich immer Polizistin werden. Aber meine  Mutter hat gesagt, dass man da zu wenig verdient. Und ich soll  zur Schule gehen und lernen, um später unabhängig von meinem  Mann zu sein …«

Systemische Überlegungen: Häufig bildet sich durch neugieriges  Nachfragen ein ganz anderes Thema heraus, als  anfänglich erzählt wird. An dieser Stelle endete das Gespräch, weil ich in den Unterricht musste und weil ich  von ihr keinen Auftrag bekommen hatte. Und ohne Auftrag  werde ich nicht tätig.

 

2.2 Übung: Unglaublich, was ich alles schaffen kann!

In den ersten Stunden des neuen Schuljahres bin ich als Klassenlehrer  stundenlang mit Listen, Regeln, Pflichten und Geldeinsammeln  beschäftigt. Anstatt die Schüler kennen zulernen, muss ich  sie ständig ermahnen, bei der Sache zu bleiben, und sie kontrollieren. Dabei verlange ich mir selbst eine sehr hohe Konzentration  ab, um nichts zu übersehen, und bin meistens sehr angespannt.

Methodische Überlegungen: Mit dem Format der positiven  Zukunftsvision lässt sich die Klassenatmosphäre  auflockern und das eigene Empfinden im System Klasse  positiv verändern.



Der systemische Lehrer BuchDas Buch „Der systemische Lehrer“ von Jürgen Pfannmöller ist im Carl-Auer Verlag erschienen und kann hier käuflich erworben werden.











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