Ganzes Werk • eDidact • von Dr. Benedikt Descourvières
Peter Weiss – Die Ermittlung
Unsere Gegenwart ist geprägt durch den öffentlichen Diskurs um das tatsächliche oder angebliche „postfaktische Zeitalter“. Dieser Diskurs verweist auf die Gefahr, dass Gefühle – und damit zwangsläufig auch Vorurteile, irrationale Gedanken und Vorbehalte – über Reflexion, Vernunft und Argumente gestellt werden und man jenen eine höhere Wahrheit als diesen zuspricht. So ist zu fürchten, dass die Errungenschaften von Humanismus und Aufklärung, von Analyse und Kritik hinter emotional übersteigerter Hysterie zurücktreten. Dieses Verhältnis steht im Zentrum dokumentarliterarischer Ästhetik, zu der der Büchner-Preisträger Peter Weiss mit seinem Dokumentardrama Die Ermittlung und seinen poetologischen Überlegungen Notizen zum dokumentarischen Theater zwei prominente Textproduktionen vorgelegt hat. Sein dokumentarästhetisches Ziel bestand in der Analyse und Kritik bestehender Missstände auf der Grundlage historisch authentischer Dokumente. Eine zentrale Frage war in den 1960er-Jahren die nach dem Umgang der Deutschen mit ihrer Gewaltvergangenheit. Diese Frage stellte sich umso drängender, je mehr im Zuge des Frankfurter Auschwitz-Prozesses (1963 – 65) grausame Details des bestialischen Massenmords im Konzentrationslager Auschwitz die Öffentlichkeit aufrüttelten. Die Ermittlung konstituiert einen Meilenstein deutscher Erinnerungskultur. Dabei garantiert die Kunstfertigkeit, mit der die inhaltlich ebenso authentischen wie erschütternden Dokumente arrangiert und montiert sind, die ästhetische Strahlkraft dieses Dramas weit über den konkreten zeitgeschichtlichen Bezug hinaus.
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Deutsch
10.-13. Klasse
Sekundarstufe 2
3 Einheiten
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