Wer „added“ schon seine Lehrer?!

Mirko Veröffentlicht am
14. Facebook

Als Nicht-Lehrer offenbart mir die Debatte um digitale Medienkompetenz an Schulen, insbesondere wenn sie sich, wie David Klett, dem Gebrauch sozialer Medien widmet zunächst einmal eines: Für die allermeisten in dieser Republik ist das Internet mit seinen Möglichkeiten nicht „#Neuland“, sondern Neuland. Das macht den Ruf nach Kompetenzerwerb nur zu verständlich. Und wie immer, wenn unserer Gesellschaft etwas offenkundig fehlt, wird die Schule auf den Plan gerufen, um dieses Defizit zu heilen.

Doch was soll denn eigentlich gelernt werden? Die technische Fähigkeit kann nicht gemeint sein. Schüler nutzen die Medien, die wir „sozial“ nennen, Tag ein Tag aus. Und: Sollte es hier Defizite geben, ist das Lernen in der Peer-Group sicherlich effizienter als Lehrerfortbildungen, die Inhalte zu Techniken vermitteln, mit denen die Pädagogen aufgrund der Halbwertzeit des Netzwissens nach der Schulung nur noch einen Monat glänzen können. Was diesbezüglich zu lernen ist, wird gelernt. Und zwar schnell und effizient außerhalb der Schule. Auch die Frage ob diese Medien genutzt werden oder nicht, stellt sich nicht. Soziale Medien heißen wahrscheinlich deshalb „sozial“ weil es bei ihnen immer auch um Teilhabe geht. Und wer kann, der ist dabei, allein weil er nicht nicht dabei sein will. Diese Medien bestimmen einen nicht unwesentlichen Teil jugendlicher Kommunikation. Bevor man sich küsst, „followed“ man sich heute bei Instagram und „added“ sich – wenn’s gut läuft, natürlich mit gebotenem zeitlichen Abstand – bei facebook. Und mal ehrlich: was kümmert Louis dabei die NSA, wenn er nun mal auf Sarah steht?

Medienkompetenz ist daher keine Frage der Technik und auch keine, ob man nun dabei sein sollte oder nicht. Vielmehr geht es für Heranwachsende – wie im Übrigen in allen anderen Bereichen ihres Lebens auch – darum zu lernen, ihre Handlungen auf deren Wirkung und die damit einhergehenden Konsequenzen reflektieren zu können und die Ergebnisse dieses Prozesses in den eigenen Handlungsentscheidungen zu berücksichtigen. In Bezug auf „social media“ ist das, denke ich vermittelbar. Denn das Hauptrisiko des Netzes liegt doch in seiner Unfähigkeit zu vergessen, die mit der menschlichen Unfähigkeit sich nicht zu verändern zusammen einen erfrischend herben Schamcocktail bereitstellen kann. Das vermittelt sich mit der Zeit häufig von alleine – wahrscheinlich ist ein Reflektionsangebot und die ein oder andere lehrreiche Geschichte hilfreich, um nicht alle Fehler selber machen zu müssen.

Die zentrale Herausforderung von „social media“ für Lehrer, Schüler und Schule ist meiner Vermutung nach anders gelagert. Sie liegt schlicht in der Absorption von Aufmerksamkeit. Alle sind in der whatsapp-Gruppe, außer der Frau mit der Kreide in der Hand. Soziale Medien sind – zumindest bevor sich die in ihnen Aktiven zu Institutionen gemausert haben, weitgehend hierarchiefrei, d.h. auch: sie entziehen sich der Kontrolle des Pädagogen. Es entscheidet nicht die Lehrerin, ob sie virtuell dabei ist. Dafür muss sie der Initiator aus der dritten Reihe – wahrscheinlich der Louis schon wieder – erst noch einladen. Dort dann angekommen, sind Lehrer nackt, so wie es jeder andere ihrer Generation auch wäre. Man tippt zu langsam, hat schon wieder vergessen die Vibration auszustellen und kennt die Abkürzungen nicht, OMG! Ja, … lol ist was anderes.

In Rheinland-Pfalz wurde jüngst die „Freundschaft“ auf facebook zwischen Lehrern und Schülern verboten (hier und hier) Dann sollte man aber auch B sagen und versuchen die Schule zur Smartphone-freien Zone zu erklären. Sicher, man kann versuchen das kommunikative Paralleluniversum zumindest für eine kurze Zeit auf Eis zu legen – zerstören wäre hier sicherlich der falsche Begriff, den spätestens nach dem letzten Gong, wird weiter „getweeted“ und „geliked“. Das erhöht immerhin die Distanz zwischen den Parallelwelten, aber ist es die Lösung, die wir wollen?

Eine dänische Lehrerin erzählte mir kürzlich, dass sie nicht verstehe, warum man sich in Deutschland derart gegen soziale Medien in der Schule sperre. Es sei doch klar, dass man diese nicht verbieten könne. Daher seien in Dänemark Lehrer mit ihren Schülern „befreundet“ und nehmen, meist mit ihrem Zweitprofil, am Austausch mit den Schülern teil. Ich fragte sie, ob dänische Lehrer schneller tippen. „Nein“ meinte sie, „aber Dänemark hat eine andere Kultur.“ Offenbar eine in der man begriffen hat, dass die Teilnahme an Kommunikation die einzige Möglichkeit der Einflussnahme ist. Und eine, die Autorität nicht ausschließlich am Expertenstatus festmacht. Ohne diese wird es für die Einbindung von „social media“ wahrscheinlich schwer, denn auch hier ist Kommunikation ein Unterfangen mit ungewissem Ausgang. In einem Medium das nicht vergisst.

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