„Je ausgeglichener und glücklicher du als Lehrerin bist, umso besser machst du deine Arbeit“

Kann ein Buch uns glücklicher machen? Ruth Plettscher hat sich mit Was Schönes für mich genau das zum Ziel gesetzt. Herausgekommen ist ein Potpourri an Inspirationen, Ideen, Tipps und Tricks für den Lehrerinnenalltag, in dem sich Texte und Illustrationen die Hand geben. Wir haben uns mit ihr darüber unterhalten, warum glückliche Lehrerinnen besser unterrichten und was ihre persönlichen Geheimnisse sind, um glücklicher und entspannter durchs Leben zu gehen.

meinUnterricht: Ihr Buch Was Schönes für mich lässt sich gar nicht so leicht in die üblichen Ratgeber-Kategorien für Lehrkräfte einordnen. Vielleicht versuchen wir es mal im Ausschlussverfahren: Was findet man in Ihrem Buch nicht?

Ruth Plettscher: Das Buch hat kein starres Konzept dafür, wie man seinen Berufsalltag perfektioniert. Stattdessen ist es eine Sammlung an bunten kleinen Ideen und Inspirationen, die Spaß machen sollen. Jede Lehrerin, die es liest, pickt sich das heraus, was sie spontan anspricht. Das, worauf ich jetzt gerade Lust habe, was mir liegt, ist – so bin ich überzeugt – im Endeffekt wirkungsvoller als ein ernstes, groß angelegtes Stufenprogramm zur Selbstoptimierung, das eh keiner durchhält.

mU: Was war für Sie der Grund, ein Buch herauszubringen, welches das Lehrerinnenleben auch jenseits von Unterricht und Klassenzimmer betrachtet?

Plettschner: Lehrerinnen haben einen äußerst anspruchsvollen und fordernden Berufsalltag. Wechselnde Klassen im Stundentakt, Kontakte mit Eltern, Zusammenarbeit und Auseinandersetzungen. Im Privatleben stehen sie als Art Personen des öffentlichen Lebens ständig unter Beobachtung, nie richtig Feierabend, immer das Gefühl, man könnte noch mehr vorbereiten, sich noch mehr kümmern … Was mich interessiert, ist die Frage, wie so viele Lehrerinnen es schaffen, trotz der hohen Anforderungen, so fokussiert und motiviert zu arbeiten. Was hilft, in diesem Job gesund und fürsorglich mit sich selbst zu sein.

Als Lehrerin ist man ständig für andere da. Da geraten schnell die eigenen Bedürfnisse im Trubel des Schulalltags aus dem Blick. Das ist aber auf Dauer nicht gut für uns. Zentral muss immer sein, dass es uns als Person, als Mensch gut geht. Nur dann haben wir genug Kraft und Motivation, um gut in dem zu sein, was wir tun.

Das Buch ist schließlich eine wilde Mischung geworden: mit Mini-Achtsamkeits-Übungen, die sich in den Schulalltag integrieren lassen, psychologischen Tricks, die durch Perspektivwechsel zu einer neuen Haltung zu Herausforderungen führen, bis zum Faktencheck zu Vorurteilen, die Lehrern immer wieder entgegenschlagen.

mU: Ein zentrales Thema im Buch ist Achtsamkeit – immer wieder regen Ideen für kleine „Verwöhnpausen“ zum Innehalten und Abstand gewinnen an. Und dann gibt es da plötzlich einen Text mit der Unterüberschrift „Warum Stress eigentlich glücklich macht“. Wie passt das zusammen?

Das ist tatsächlich ein Thema, das mich in meinem Leben im Moment sehr beschäftigt. Ich bin eine Person, die bei Herausforderungen und vielen verschiedenen Projekten gleichzeitig erst zu Höchstform aufläuft. Wenn ich gefordert bin, merke ich richtig, wie ich innerlich wachse, wie mein Gehirn neue Windung probiert, wie ich dazulerne und das macht mich glücklich. Klar ist es auch stressig, viel zu tun zu haben, aber ich finde, dass das oft zu negativ gesehen wird. Stress ist das Gewürz des Lebens, sagt der Psychologe Hans Selye. Wir sollten dem Gefühl einen anderen Namen geben und es damit umdeuten in etwas Gutes: zum Beispiel Anspannung oder Aufregung.

Es ist sicherlich bei jedem Menschen anders, wie viel Ruhe und Routine er mag. Ich liebe die Abwechslung und stelle immer mehr fest, dass ich am besten abschalten kann, wenn ich mich intensiv mit etwas anderem beschäftige. Also statt nichts tun, etwas tun. Sonst hätte ich wohl kaum neben Beruf, Kind, Partnerschaft, Freunden und Familie auch noch ein Buch geschrieben und illustriert. Es hat mir unglaublich Spaß gemacht und dazu geführt, dass ich in dieser Zeit mich nur darauf fokussiert habe. Und dennoch brauche auch ich zwischendurch kleine Momente der Ruhe, des Durchatmens. Die richtige Balance zu finden, ist nicht immer einfach. Ich arbeite daran.

Und ich habe schon wieder ein Projekt, das mich von meinem übrigen Stress ablenken wird, so viel darf ich verraten. Inspiriert durch die Begeisterung, mit der viele Lehrerinnen auf das Buch reagiert haben, wollen wir zum nächsten Schuljahr einen Lehrerinnen-Kalender anbieten – mit noch mehr Ideen, die das Lehrerinnenleben achtsamer, leichter und glücklicher zu machen.

mU: Vielleicht kennen Sie ja das Bild, das immer wieder durch die sozialen Netzwerke geistert: Eine Lehrerin liegt nachts im Bett und kann nicht schlafen, weil ihr tausend Sachen durch den Kopf gehen, die sie nicht vergessen darf und noch vorbereiten muss. Haben Sie für solche Situationen einen Tipp?

Das kenne ich auch. Ich fühle mich dann immer an das Beispiel mit dem rosa Elefanten erinnert. Denke nicht an einen rosa Elefanten! Natürlich kann das gar nicht gelingen, da ist er, der Elefant, dick und rosa. Mir hilft es, meine Gedankenschleifen mit etwas Distanz zu sehen. Ich beobachte, wie mein Geist mir penetrant immer wieder die gleichen Themen auftischt, ich sie wegwische und schwupps, lugen sie wieder um die Ecke. Ohne mich zu ärgern, nehme ich es wahr, staune und lerne.

Sehr hilfreich finde ich es, immer einen Stift und einen Block parat zu haben. Sobald mir etwas einfällt, was ich auf keinen Fall vergessen darf, schreibe ich es auf. Dann weiß mein Kopf, dass sich drum gekümmert wird – und kann loslassen. Funktioniert auch super, wenn man sich selbst Sprachnachrichten auf das Handy spricht.

mU: Was zeichnet für Sie den Beruf als Lehrerin aus? Gibt es etwas, dass ihn besonders macht?

Das Lehrerinnenleben ist sehr vielseitig und das macht es immer aufs Neue spannend. Ständig erlebt man Überraschungen, nichts ist wirklich planbar, schließlich arbeitet man mit Menschen, noch dazu mit kleinen oder pubertierenden. Immer wieder findet man sich in neuen Situationen wieder. Tür auf, neue Klasse, neue Stimmung und neue Themen, die wichtig sind. Tür auf, Pause, Fragen, Sorgen, schnell noch was kopieren, schnell was mit einer Kollegin klären. Für diese ständigen Wechsel braucht man Strategien, um sich in all dem Trubel auch auf sich selbst besinnen zu können. Ich probiere im Moment z. B. das Folgende: Immer wenn ich eine Türklinke anfasse, halte ich kurz inne, nehme bewusst das Material mit meiner Hand wahr und atme einmal tief ein und aus, um dann ganz frisch in die neue Situation zu gehen.

Außerdem ist man als Lehrerin immer auch als Person wichtig. Es ist essentiell seine Gefühle und Reaktionen zu reflektieren und, wenn möglich, bewusst zu steuern. Als Lehrerin ist man immer auch Vorbild für die Schülerinnen und Schüler. Das heißt, je ausgeglichener und glücklicher du als Lehrerin bist, umso besser machst du deine Arbeit. Das ist doch wunderbar, dann weißt du, was du zu tun hast.

mU: Wie haben sie die vielen Ideen und Tipps im Buch gefunden? Oder sind Sie einfach die glücklichste und entspannteste Person der Welt?

Ich probiere einfach unheimlich gerne Neues aus: Handlettering, Sketchnotes, Zentangle, Yoga, Meditation. Ich mache meine Erfahrungen und finde heraus, was für mich funktioniert. Ich spreche auch viel mit Freunden und Kollegen darüber, wie man ein gutes, ausgeglichenes Leben führen kann und lerne von ihnen. Als ich an dem Buch gearbeitet habe, habe ich alles um mich herum aufgesaugt und auf Tauglichkeit für den Lehrerinnenalltag geprüft, ganz automatisch, das konnte ich dann gar nicht abstellen.

Tatsächlich bin ich ein sehr positiver und gelassener Mensch. Ich bin nicht nachtragend und kann mich ganz schnell begeistern. Beides hilft dabei, Erlebnisse hinter sich zu lassen und neugierig auf den nächsten Moment zu sein. Aber natürlich fällt mir auch nicht immer alles leicht. Worin ich auf jeden Fall besser werden möchte, ist, nicht so schnell emotional zu reagieren und aus der Haut zu fahren. Wenn mich jemand absichtlich provoziert, ist es mit der Gelassenheit schnell mal vorbei.

 


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Das Buch Was Schönes für mich von Ruth Plettscher ist im Auer-Verlag in der Reihe Basics für den Schulalltag erschienen.