Lieber vorbeugen als auf Sanktionen setzen – Teil 3: An Erfolge anknüpfen, statt über Probleme sprechen

Beitragsreihe Eichhorn_Teil drei

Oft ist unangemessenes Verhalten von Schüler*innen der Anlass für Gespräche zwischen Lehrperson und Schüler*in. Dieses Vorgehen ist gut nachvollziehbar aber nicht sehr erfolgreich. Dieser Beitrag setzt auf das Gegenteil: Nämlich angemessenes Verhalten unserer Schüler*innen nutzen, um sie zu unterstützen. 

Auch in Schule C informieren die Lehrpersonen die Eltern ihrer Schülerinnen und Schüler, wenn diese die Hausaufgaben nicht in der Schule dabei haben. Gleichzeitig erhält der Schüler einen Strafpunkt. Wie Schule A und B geht auch Schule C dann davon aus, dass der Schüler die Hausaufgaben nicht gemacht hat, wenn er sie nicht dabeihat. Wenn ein Schüler die Hausaufgaben vier Mal nicht dabei hat, erhält er einen Verweis, von dem die Eltern eine Kopie erhalten. Wenn ein Schüler aber seine Hausaufgaben für eine Woche immer dabei und vollständig erledigt hat, kann er dadurch einen Strafpunkt tilgen.

Erfolge als Gesprächsanlass

Es ist ja nachvollziehbar – aber oft ungünstig. Nämlich, unangemessenes Verhalten eines Schülers als Gesprächsanlass zu nehmen. Wer führt schon gerne ein Gespräch, bei dem einem sein Gegenüber mitteilt, was man falsch gemacht hat? 

Das hier vorgeschlagene Vorgehen geht genau vom Gegenteil aus – nämlich Erfolge unserer Schülerinnen und Schüler als Gesprächsanlass zu nehmen. 

Bitte verstehe mich richtig. Ich möchte hier niemanden kritisieren – denn der Lehrberuf ist doch schon anspruchsvoll genug. Mir ist auch klar, dass derartige Handlungsleitlinien wie die gleich folgende während der Aus- und Fortbildung an konkreten Beispielen erklärt werden müssten, damit man sie in der Praxis zumindest hin und wieder umsetzen kann.

 

Fallbeispiel: Kira hatte jetzt zweimal ihre Hausaufgaben nicht dabei. Sie hat dafür zwei Strafpunkte erhalten. Ihre Lehrerin, Frau Groß, hat jedes Mal ihre Eltern darüber informiert. Aber jetzt achtet Frau Groß ganz besonders darauf, wie häufig Kira ihre Hausaufgaben dabei hat. Das ist in dieser Woche der Fall. Bis zum Mittwoch ist es Kira nämlich schon gelungen, immer ihre Hausaufgaben dabei zu haben. Frau Groß spricht sie an. Sie sagt, „Hallo Kira, toll, diese Woche hast du ja schon jedes Mal deine Hausaufgaben dabei gehabt. War das schwierig?“ Nachdem sie sich kurz mit Kira ausgetauscht hat, sagt sie zu ihr, „Kira, du weißt doch, dass wenn du es schaffst, eine ganze Woche immer deine Hausaufgaben dabei zu haben, du einen Strafpunkt rückgängig machen kannst. Also wenn du auch morgen und übermorgen deine Hausaufgaben dabei hast, hast du nur noch einen Strafpunkt. Was meinst du, schaffst du das? Kann ich dir vielleicht dabei helfen? Ich helfe dir gerne.“ 

 

Dieses Vorgehen lässt sich auf andere Probleme übertragen, wie z.B., wenn ein Schüler häufig 

  • in den Unterricht reinredet, ohne sich zu melden,
  • Unterrichtsmaterial häufig nicht dabei hat,
  • zu spät kommt, und vieles andere.

Die Einladungskarte

Kommen wir zu unserem Fallbeispiel zurück: Frau Groß überreicht Kira sogar eine Einladungskarte.

Das hast du prima gemacht  –  du bist eingeladen!

Kira, du hast diese Woche schon drei Mal deine Hausaufgaben dabei gehabt – TOLL. Das zeigt, dass du auf einem guten Weg bist und dich verbessern kannst!

Lass uns doch morgen um 10:30 Uhr im Cafe Meyer zusammenkommen und uns darüber austauschen, wie du das geschafft hast und was du tun kannst, um weiter so gut dran zu bleiben. Ich bin schon gespannt und freue mich auf unser Treffen.

Ich informiere Herrn Verseck, bei dem du dann ja Hauswirtschaft hättest, dass wir uns um 10:30 Uhr treffen werden. Bitte erinnere ihn daran, dass er dich rechtzeitig gehen lässt. Wir treffen uns dann vor dem Lehrerzimmer und gehen zusammen hin.

Viele Grüße – bitte auch an deine Eltern

Frau Groß

Stelle dir bitte vor, dass eine Schule folgendes vereinbart hat:

  • Solche Gespräche haben Priorität gegenüber regulärem Unterricht. Die Lehrperson, die zum Gesprächszeitpunkt den Schüler unterrichtet, ist einverstanden, dass der Schüler für einige Zeit nicht in ihrem Unterricht anwesend ist.
  • Solche Gespräche finden nicht in der Freizeit der Schülerinnen und Schüler statt, denn das könnte bei einigen Schüler*innen die innere Bereitschaft, sich auf ein solches Gespräch einzulassen, reduzieren. 

Natürlich muss man sich nicht immer in einem Cafe treffen – aber es ist eine wunderbare Idee von Frau Groß, dies vorzuschlagen, weil das für fast alle Schülerinnen und Schüler etwas ganz Besonderes ist und sie sich dort wohl fühlen. Das fördert ihre Kooperation und ihre Gesprächsbereitschaft. 

Erfolge als Anknüpfungspunkt für Elterngespräche

Frau Groß möchte Kiras Eltern über ihr Vorgehen informieren und spricht sich dazu kurz mit Kira ab. Dann ruft sie Kiras Eltern an, um diese ausführlich über ihr Vorgehen zu informieren. Damit erreicht sie,

  • dass Kiras Eltern spüren, dass sich Frau Groß für ihre Tochter einsetzt.
  • dass sie dadurch ein besseres Ansehen bei Kiras Eltern hat.
  • dass diese besser mit Frau Groß kooperieren werden.

Wenn wir einen Erfolg eines Schülers als Gesprächsanlass nehmen, sind dessen Eltern in der Regel deutlich aufgeschlossener und kooperativer. Dadurch lassen sich bei Problemen leichter Lösungen finden. 

Eine Lernpatin einführen

Frau Groß vereinbart mit Kira, dass sie mit der Lernpatin der Klasse zusammenarbeitet. Sie sagt, „Du weißt doch, dass du Patrizia anrufen kannst, falls du Fragen hast oder nicht weiter weißt – komm wir sprechen noch kurz mit Patrizia.“ Patrizia ist eine Lernpatin in dieser Klasse. Eine Lernpatin kann für viele Schülerinnen und Schüler wie Kira eine enorme Hilfe sein. Sie haben eine Ansprechperson, die sie unkompliziert erreichen können und die eine ähnliche Sprache spricht. Außerdem entlasten Lernpaten die Lehrpersonen.

Beim Verabschieden fragt Frau Groß Kira an diesem und am nächsten Tag, „Bist du zuversichtlich, dass du für morgen wieder deine Hausaufgaben schaffst?“

Als Kira am nächsten Morgen die Hausaufgaben dabei hatte, sagte Frau Groß kurz zu ihr, „Toll, Kira – freut mich.“ Wichtige Interventionen müssen nicht immer zeitintensiv sein. Auch kurze Interventionen können unseren Schülerinnen und Schülern vermitteln, dass wir sie bei dem unterstützen, was aktuell für sie wichtig ist.

Natürlich ist es nicht die Aufgabe von Frau Groß, Lernpaten auszubilden und bei ihrer Arbeit zu begleiten. In zahlreichen Schulen übernehmen dies Schulsozialarbeiter*innen oder Schulpsycholog*innen.

Der nächste Beitrag befasst sich mit einer der wichtigsten Strategien, die unseren Schülerinnen und Schülern dabei hilft, in der Schule besser zu werden und sogar im Leben ein bisschen besser zurecht zu kommen.

 

Über den Autor

Christoph Eichhorn ist Lehrbeauftragter für Classroom-Management an den Universitäten Zürich, Konstanz, Tübingen und an Pädagogischen Hochschulen in Deutschland und Österreich. Er bietet Workshops und Vorträge zu Themen wie „Interventionen bei Stören“ oder „Classroom-Management“ an. www.classroom-management.ch 

Sein wichtigstes Buch

Eichhorn, C. (2028 A): Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören

  • Die wirksamste Störungsprävention
  • Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen
  • Interventionsleitlinien bei großen Störungen (2018)
  1. überarbeitete Auflage.

Das Buch kann nur über Amazon bezogen werden.


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