Lieber vorbeugen als auf Sanktionen setzen – Exkurs: Hindernisse bewältigen, wie Schüler*innen besser werden

Lieber vorbeugen als auf Sanktionen setzen – Exkurs: Hindernisse bewältigen, wie Schüler*innen besser werden

Natürlich treten im Schulalltag und beim Lernen Hindernisse auf. Ob und wie unsere Schüler*innen diese bewältigen oder nicht hat erhebliche Konsequenzen. Damit befasst sich dieser Exkurs der Beitragsreihe.

Eine der Top-Strategien fürs Leben: Hindernisse bewältigen

Dass es im Leben immer wieder Hindernisse gibt, ist nicht neu. Wie wir diese bewältigen beeinflusst erheblich unser Wohlbefinden (Lopez, 2018).

Wie wichtig es ist, Hindernisse gut überwinden zu können, zeigten Shelly Taylor und ihre Kolleginnen von der renommierten UCLA (University of California, Los Angeles) schon 1998 in einer Lernstudie, die international enormes Aufsehen erregte. Sie arbeiteten mit zwei Gruppen von Schülerinnen und Schülern, die sich in der Schule verbessern wollten – das sind natürlich die meisten unserer Schüler*innen, wie Valtin 2012 zeigte. Demnach sind gut 90 Prozent unserer Schüler*innen gute Noten wichtig. 

Ziel der Studie war, Schulleistungen der Schüler*innen über eine gesteigerte Lern- und Anstrengungsbereitschaft zu verbessern. Denn nur dann können die Noten besser werden. Dazu bildeten sie zwei Gruppen.

Gruppe 1: Die Visionen Gruppe

Die Schüler*innen dieser Gruppe stellten sich in einer Art Imaginationstraining vor, welche positiven Auswirkungen es hätte, wenn sie bessere Noten schreiben würden. Ihre Eltern würden sie loben, sie selbst wären zufriedener, eventuell würden sogar ihre Mitschüler*innen sie bewundern, usw.

Gruppe 2: Die Hindernisse bewältigen Gruppe

Mit dieser Gruppe besprachen die Wissenschaftler*innen zunächst welche Probleme beim Lernen auftauchen könnten, wie z.B. schönes Wetter, keine Lust zum Lernen haben, eine Freundin ruft an, frustriert sein und aufgeben, weil man die erste Aufgabe nicht lösen kann, eine Aufgabe nicht verstehen können, usw. Im nächsten Schritt überlegten sie, wie sie diese Hindernisse bewältigen und trotzdem dranbleiben könnten. 

Die Ergebnisse

Zunächst war die Gruppe 1 engagierter. Ziemlich begeistert legten sie los. Doch sobald sich erste Hindernisse einstellten, was schnell der Fall war, erlosch ihre Begeisterung wie ein Strohfeuer und schon gaben sie auf. Anders die Gruppe 2. Die Schüler*innen dieser Gruppe blieben bald auch dann dran, wenn Hindernisse auftraten und verbesserten sich deutlich.

Was hilft beim Lernen dran zu bleiben

  1. Visionen setzen Energie frei, um Veränderungen anzugehen.
  2. Handlungsoptionen für potentielle Hindernisse im Voraus entwickeln und festlegen. Aber Visionen sollten mit konkreten Anleitungen, die einem zeigen, wie man Schritt für Schritt ans Ziel kommt, unterfüttert werden.
  3. „Wenn..,- dann…-Vorsätze“: Also z.B. „Wenn schönes Wetter ist, fange ich trotzdem mit meinen Hausaufgaben an“. Oder, „Wenn ich mit der ersten Aufgabe nicht klar komme, mache ich eine kleine Pause, entspanne mich und beginne dann mit der zweiten Aufgabe“. Oder: „Wenn meine Freundin anruft, begrüße ich sie freundlich – mache dann aber einen Termin ab, wann wir uns wieder sprechen“. Wichtig ist, diese Strategie auf die individuelle Situation der Schüler*innen zuzuschneiden. Was für den einen ein sehr wirksamer Vorsatz ist, muss es für einen anderen nicht sein. Die Wirksamkeit dieses Vorgehens konnte Peter Gollwitzer (Oettingen und Gollwitzer, 2015) in über 250 Studien in zahlreichen Anwendungsgebieten zeigen.
  4. Soziale Unterstützung: Zwei Wirkfaktoren spielen hier eine Rolle.
    1. Die Lehrperson als Unterstützung: Die Wirkung dieses Vorgehens steigert sich ein weiteres Mal, wenn Lehrpersonen, die eine gute Beziehung zu ihren Schüler*innen haben, diese bei ihrem Vorgehen begleiten, mit ihnen im Gespräch bleiben, sie und hin und wieder motivieren und ermutigen. Dazu arbeitet Frau Groß zum einen mit der ganzen Klasse, zum anderen mit Kleingruppen, weil sie dann ihre Schüler*innen gezielter unterstützen kann. Am intensivsten arbeitet sie mit der Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die sich beim Lernen besonders schwer tun. Mit einigen Gruppen gut arbeitender Schüler*innen trifft sie sich nur selten – und spart damit Zeit und Energie, die knappsten Ressourcen im Lehrberuf.

Exkurs: Prioritäten-Management – eines der wichtigsten Instrumente im Classroom-Management

Mit ihrem Vorgehen nutzt Frau Groß Prioritäten-Management. Gerade im Lehrberuf müssen wir eigentlich laufend Prioritäten setzen (Eichhorn,  2018 B). Das erleichtert uns unsere Arbeit erheblich und befreit uns ein bisschen von dem Druck, immer für alle da sein zu wollen. Das ist natürlich sehr gut gemeint – aber oft eine Überforderung in einem Beruf, in dem man sowieso oft an die eigenen Grenzen und viele von uns oft sogar darüber hinaus gehen.

Kommen wir zur Arbeit von Groß zurück. 

  • Sie setzt diese Gruppen so zusammen, dass dort keine Schüler*innen zusammen sind, die sich gegenseitig ablehnen, bzw. eine Konfliktbeziehung haben. Das könnte zu gegenseitigen Abwertungen und Konflikten führen und zu negativem Klima in der Kleingruppe.
  • Sie trifft mit ihren Schüler*innen Vereinbarungen bzgl. der Zusammenarbeit in diesen Gruppen. Dazu besprechen die Schüler*innen die Frage, „Wie muss es sein, dass ich mich in dieser Gruppe wohlfühle und gut arbeiten kann?“ 
  • Sie achtet darauf, was ihre Schüler*innen gut machen und gibt großzügig Lob und Anerkennung. Hin und wieder bringt sie eine kleine Extra-Belohnung mit, z.B. ein kleines Stück Kuchen. Auch einige Schüler*innen machen das – auf freiwilliger Basis. Mit ihrer Kollegin aus dem Hauswirtschaftsunterricht hat sie sich abgesprochen, dass dort hin und wieder eine kleine Süßigkeit für diese Gruppen gebacken wird.
  • Sie achtet darauf, dass die Gruppenarbeit in positiver Stimmung endet.
  • 4.2 Die Schülerinnen und Schüler untereinander: Schülerinnen und Schüler lernen viel voneinander. Diesem Aspekt tragen wir Rücksicht, wenn wir unseren SuS ermöglichen, in Kleingruppen zu arbeiten, wie das ja oft im Unterricht geschieht. Hier ist aber auch die Idee wichtig, dass Frau Groß an diesen Gruppen teilnimmt. Das gibt ihr Spielraum bei der Beziehungsgestaltung zu ihren Schüler*innen – ein wichtiger Aspekt.
    • Peers werden wichtiger: Spätestens ab Beginn der Pubertät spielen die Peers für unsere Schüler*innen eine immer wichtigere Rolle. 
    • Das Autonomiestreben der Schüler*innen nimmt zu: In der Pubertät nimmt das Autonomiestreben unserer SuS deutlich zu. Da bietet es sich an, dass die Schüler*innen selbst die Leitung der Gruppentreffen übernehmen, so ähnlich wie beim Klassenrat. Sie thematisieren aber auch, was sie tun, um sich in ihren Kleingruppen wohl zu fühlen – wie auch gerade oben erwähnt. In einer Schule trafen sich einige der Gruppen in der Cafeteria der Schule, bzw. in einem entsprechend eingerichteten Raum, in dem sie sich alle wohl fühlten. In einer anderen Schule fand das letzte Treffen vor den Ferien in einem nahegelegenen Café statt. 
    • Derart großes Engagement ist nicht selbstverständlich und sollte unbedingt finanziell ausgeglichen werden. In einigen europäischen Ländern wie in der Schweiz haben Lehrpersonen dafür eine bezahlte Extra-Unterrichtseinheit. Ein sehr wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Im nächsten Beitrag lernst du im Detail ein Sanktionssystem kennen, dass es den Schüler*innen ermöglicht, eine drohende Sanktion durch angemessenes Verhalten abzuwenden.

 

Über den Autor

Christoph Eichhorn ist Lehrbeauftragter für Classroom-Management an den Universitäten Zürich, Konstanz, Tübingen und an Pädagogischen Hochschulen in Deutschland und Österreich. Er bietet Workshops und Vorträge zu Themen wie „Interventionen bei Stören“ oder „Classroom-Management“ an. www.classroom-management.ch 

Sein wichtigstes Buch

Eichhorn, C. (2028 A): Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören

  • Die wirksamste Störungsprävention
  • Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen
  • Interventionsleitlinien bei großen Störungen (2018)
  1. überarbeitete Auflage.

Das Buch kann nur über Amazon bezogen werden.


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