Leseprobe: Keine Beleidigungen mehr!

Evgenia Danilevic Veröffentlicht am
2. Leseprobe

Anton Hergenhan

Anton Hergenhan ist erfahrener Paar- und Familientherapeut und leitete über 20 Jahre eine teilstationäre Einrichtung für verhaltensauffällige Kinder (Heilpädagogische Tagesstätte). Nun ist der diplomierte Psychologe Dozent an der Heimarer Akademie. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören psychologische Einzel- und Gruppentherapie, Familientherapie; systemisches Coaching mit Eltern, kooperativer Austausch mit Lehrkräften, methodologische Synthese verhaltenstherapeutischer und systemischer Interventionsverfahren. In seinem Buch gibt er eine detaillierte und anwendungsorientierte Anleitung, wie Lehrerinnen oder Eltern mit verhaltensauffälligen Kindern umgehen können. 
Hier eine Leseprobe aus dem Buch „Keine Beleidigungen mehr: Respektvolles Miteinander im Unterricht“:

1 Systemische Handschrift

Im Titel dieser Reihe »Spickzettel für Lehrer« liegt eine provokative Spannung. Er vereint, so scheint es, Unverträgliches. Lehrer verbieten Spickzettel. Jeder Schüler, der während einer Klausur, Prüfung oder Kurzarbeit unerlaubte Blicke auf einen Spickzettel wirft, muss höllisch aufpassen. Wird er ertappt, drohen das sofortige Ende des Tests und eine schlechte Zensur.

Mit diesem Büchlein erwerben Sie, was Sie üblicherweise ahnden müssen. Diese Spannung nehmen Sie angesichts unseres hoffnungsvollen Titels buchstäblich in Kauf. Dafür haben Sie gute Gründe! Offenbar wollen Sie Ihr Wissen über die Bedingungen gegenseitigen Respekts ergänzen bzw. aktivieren. Bedingungen? Ja, Respekt gibt es nicht bedingungslos! Schüler und Lehrer respektieren einander, wenn sie darauf achtgeben, was sie zueinander sagen. Gegenseitige Achtung, so erleben wir immer wieder, ist nicht nur das Resultat spontaner Impulse. Wer im Austausch mit Schülern oder Kollegen einfach drauflosspricht und nicht überlegt, wie sein Sprechen landet, macht Tritte ins Fettnäpfchen wahrscheinlich. Diese Tritte können vermieden werden. Wir werden auf unserem Spickzettel, so knapp es geht, systemisches Gedankengut zur Kenntnis nehmen und daraus Ideen über trittfreie Kommunikation ableiten. Die Umsetzung dieser Ideen kann erwirken, dass Sie sich nachhaltig erfolgreich gegen Beleidigungen zur Wehr setzen und Ihre Beziehung zu den Schülern positiv verbindlich gestalten.

Dieser Spickzettel ist von unerschütterlichem Optimismus durchsetzt. Er glaubt an die Möglichkeit, dass Sie das Schöne Ihres Berufes genießen oder (wieder) entdecken. Sie pflegen persönliche Nähe zu jungen Menschen, die Ihnen dankbar sind und sich später gern an Sie erinnern. Freude bereitet Ihnen der Stolz Ihrer Schüler, da Sie an deren Leistungen und Entwicklungsfortschritten aktiv lehrend beteiligt sind.

Ein Traum? Ich höre Ihren Protest: Sie müssen sich gewiss auch mit Schülern plagen, die sich regelwidrig verhalten, die Ihren Unterricht boykottieren, die aggressiv erscheinen und Sie über Ihren didaktischen Auftrag hinaus negativ emotional in Anspruch nehmen. Sie werden Eltern kennen, die Sie für den schulischen Misserfolg ihrer Kinder verantwortlich machen. Und vielleicht begegnen Ihnen auch Kollegen, von deren Solidarität Sie nicht überzeugt sein können. Mit vielem, mit allzu vielem sind Sie in enger Verbindung, was Ihnen gegen den Strich gehen mag.

Woher dann dieser unerschütterliche Optimismus?

Dieser Optimismus ist das Ergebnis lebendiger Erfahrungsinhalte. Kollegen aus Ihrem Berufsfeld, mit denen ich in stetem Austausch bin, haben Kommunikationsakte systemisch vollführt und dabei erlebt, dass verbale wie tätliche Aggressionen aufhören und friedlich respektvollem Miteinander weichen.

Unser Spickzettel ist so angelegt, dass er das Wichtigste knapp enthält. Er will nicht ausführliche Erörterungen parat halten. Und doch soll in seiner Kürze eine Würze liegen, die nicht Verkürzung heißt. Unser Utensil ist vergleichbar mit einem Vademecum. So bezeichnen Mediziner gern Ihr Kitteltaschenbuch, das im Berufsalltag kurz und bündig rasche Orientierung bietet. Kompakt aufbereitet und immer griffbereit, informiert es über Störungsbilder und Medikationsmöglichkeiten. Der Begriff Vademecum zieht zwei lateinische Wörter zusammen: vade = geh und mecum = mit mir. Dieses »Geh-mit-mir« benennt die Funktion: Sei in meiner Nähe und hilf mir geschwind, wenn die Arbeit stressig wird, wenn zum langen Überlegen keine Zeit ist!

In der griechischen Mythologie ist ein Vademecum überliefert, das wir in unserer Alltagssprache oft anklingen lassen. Wenn wir entmutigt zugeben: »Jetzt hab ich den Faden verloren«, lässt eine Prinzessin aus Kreta namens Ariadne grüßen. Die alten Griechen erzählten, sie habe sich in den Helden Theseus verliebt. Der sollte in einem riesigen Labyrinth das bedrohliche Ungeheuer Minotaurus endgültig unschädlich machen. Die umsichtige Ariadne überließ ihm – voll Sehnsucht nach seiner unversehrten Rückkehr – vor Aufbruch in die Irrgänge eine Rolle Garn, damit er wieder sicher herausfände. Seither darf man alles, was aus einer verworrenen Lage heraushilft, »Ariadnefaden« nennen.

Unser Spickzettel, den sie gerade in der Hand halten, will ein »Ariadnefaden« sein und Ihnen die alltäglichen Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen erleichtern. In diesen Faden knüpfen wir sechs Knoten, an denen wir Stichpunkte befestigen. Diese Stichpunkte sind Konzentrate aus der Erfahrungswelt Ihrer Kollegen, die systemisches Know-how praktisch umsetzen konnten. Sie überschreiben Ideen bzw. Regeln, deren Einhaltung respektvolle Kommunikation systemisch gelingen lässt. Und jetzt ganz wichtig: Diese Stichpunkte belehren Sie nicht! Sie erinnern Sie lediglich an das, was Sie können, an Ihre Kompetenzen, an die Kompetenzen der Schüler und an die Kompetenzen Ihrer Kollegen. Sie sind Pädagoge geworden, weil Sie sich für pädagogisch fähig hielten. Und bestimmt bleiben Sie Pädagoge, wenn Sie von Ihrer fachlichen Eignung weiterhin überzeugt sind. Die Stichpunkte unseres Ariadnefadens – nennen wir sie einfach Knotenpunkte – vergegenwärtigen Ihnen Ihre Eignung und zeigen, wie Sie sie konkret ins Werk setzen könnten. Im Verkehrswesen nennt man Orte, an denen sich mehrere Straßen kreuzen, Knotenpunkte. Hier auf unserem Spickzettel kreuzen sich wichtige Gedankenwege, die wir in den folgenden Kapiteln »abfahren« wollen. Die wichtigsten Gedankenwege werden Ihre eigenen sein. Denn auf diesen Seiten lesen Sie nur ein exemplarisch genutztes Alltagsereignis, das bestenfalls dem ähnelt, was Sie selbst tagtäglich erleben. Mit unseren Knotenpunkten mögen Sie Ihre eigenen Erfahrungen abgleichen. Vielleicht schauen Sie dann immer wieder mal in diesen Spickzettel hinein, um im zuweilen chaotischen Wirrwarr des Berufslebens Stütze zu finden.

Kurz zur theoretischen Heimat dieses Spickzettels. Der Begriff »systemisch« ist im pädagogischen Betreuungsmilieu relativ neu. Die Psychologie, die angehende Lehrkräfte an der Uni aufnehmen, um sich für ihren Berufsalltag zu wappnen, ist zumeist der Lerntheorie entlehnt. »Operantes Konditionieren«, »positive Verstärkung«, »Bestrafung «, »negative Verstärkung«, mit diesen Vokabeln sind Pädagogen unterschiedlicher Zuständigkeit bestens vertraut. Und das ist gut so. Denn wir müssen überlegen, welche Erziehungshandlung mit welchem Erfolg das Verhalten unserer Kinder moderiert. Wie wird Verhalten wahrscheinlicher? Auf diese Frage antwortet die Lerntheorie sehr schlüssig. Wer weiß, wie er am günstigsten »positiv verstärkt« und »operante Konditionierungsprozesse« in Gang bringt, kann seine Pädagogik methodisch reflektieren und abklären.

Der Verfasser dieses Spickzettels neigt im Alltag gerne lerntheoretischen Positionen zu. Bereitwillig verstärkt er positiv und lässt sich – vor allem von Kindern – positiv verstärken. Im Verlauf von mittlerweile über 20 Jahren psychologischer Betreuungsarbeit mit verhaltensauffälligen Mädchen und Jungs erlebt er Folgendes: Die lerntheoretische Analyse der Konditionierungsakte ist hilfreich. Um mit Kinder und ihren Eltern in fruchtbaren Austausch zu kommen, brauchen wir jedoch eine Sicht, die in diesem Austausch mehr erfasst als nur interaktiv wirksames Verstärkermanagement. Und was beinhaltet dieses Mehr? Darüber hat mich vor allem unsere junge Klientel informiert. Von Kindern weiß ich, worin systemisches Arbeiten besteht (Hergenhan 2010 und 2011).

»Was ist eigentlich systemisch? Können Sie das mal ganz einfach erklären?«

Diese Frage wird mir oft in Fortbildungsveranstaltungen gestellt. Sie hat ihr gutes Recht! Was sich nur kompliziert und oft fachmännisch exklusiv als methodische Besonderheit anpreist, ist selten praktisch brauchbar. Kein Pädagoge muss sich durch das Fremdwörtergestrüpp der Systemtheorie von Niklas Luhmann quälen, wenn er begreifen will, worin systemisches Denken und systemisches Handeln bestehen! Zudem verträgt kein Spickzettel lange theoretische Abhandlungen. Darum hier der Versuch, diese Frage nicht zu erörtern, sondern knapp zu beantworten.

Systemiker interessieren sich vor allem für das, was sich zwischen Menschen ereignet, und dafür, was drum herum geschieht. Beziehung und Kontext, so könnte man die zentralen Schwerpunkte systemischer Reflexionen und systemischer Praxis benennen.

Nur Konkretes will dies verdeutlichen: Daniel liefert uns einen Text. Er erzählt, dass er auf Monika »einen Hass« hat. Wenn wir systemisch handeln, lassen wir Monika kontexten. Auch die »Gehasste« muss zu Wort kommen. Und nicht nur sie. Möglichst viele Kontexter werden wir aus jener Gruppe rekrutieren, denen dieser »Hass« irgendwie bekannt ist. Daniel erklärt dann, was genau seine Empfindung enthält. Er ist seit kurzem Träger einer Sehhilfe. Monika hat behauptet, Daniel sei eine Brillenschlange. Die systemisch aktive Lehrkraft wird die Schülerin keinesfalls »unter vier Augen« sprechen und ihr verklickern, dass sie zu dieser Verbalattacke kein Recht hat. Im sozialen Feld dieses Ereignisses nehmen Daniel, Monika und die anderen dazu Stellung und interpretieren, was diese Aussage zwischen den beiden und in der ganzen Gruppe stimmungsklimatisch anrichtet. Text und Kontext interagieren, verschmelzen sogar. Denn alle Kinder erörtern die emotionalen Folgen einer Beleidigung dieses Gewichts. Das »Mehr« der Stimmen, die kontextuelle Fülle also, macht den »Hass« relational, beziehungsthematisch identifizierbar und diskutabel. Kontext und Beziehung werden hoch aktuell und in den Dienst der Hassbewältigung gestellt.

Systemiker wollen wissen, was neben und zwischen Menschen abgeht, was genau sie trennt und verbindet. In einer Fachdiskussion meinte ein Teilnehmer mal wörtlich: »Mann, diese Systemiker sind ja total beziehungsfixiert!«. Ja, das sind sie. Sie denken in Beziehungskategorien. Zuneigung, Friede, Hass und Aggressionsbereitschaft sind Beziehungswirklichkeiten und als solche fassbar.

Unser Spickzettel hat also systemische Qualität und will sichern, dass wir den Faden, den Ariadnefaden, nicht verlieren. Mit dieser Richtschnur in der Hand müssen wir die Wege aus dem Labyrinth unseres Berufsalltags nicht ständig theoretisch reflektieren. Wir verlassen uns ganz einfach darauf, dass dieser Faden Orientierungshilfe ermöglicht. Ich wiederhole: Unser Faden hat sechs Knoten, an denen unser Spickzettel-Thema sozusagen angebunden ist. Diese Knotenpunkte bündeln, wie schon vermerkt, was Ihre Kollegen erprobt haben. Sie sind zudem Extrakte aus den sechs systemisch heilpädagogischen Basalkriterien, die verhaltensauffällige Kinder als Betreuungsprogramm akzeptieren (Hergenhan 2010). Die Übertragbarkeit dieser Kriterien auf den Unterrichtsbereich mögen auch Sie erwägen und gewiss kritisch prüfen. Ich bin mit Lehrkräften aus unterschiedlichen Schulen in häufigem Austausch und stelle hier dar, was meine Gesprächspartner aus Ihrem Metier erfolgreich verwirklichen.


Buch: Keine Beleidigungen mehr Das Buch „Keine Beleidigungen mehr! Respektvolles Miteinander im Unterricht“ ist beim Carl-Auer-Verlag erschienen und ist hier erhältlich. 

 













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