Leseprobe – Inklusion ressourcenorientiert umsetzen

Evgenia Danilevic Veröffentlicht am
1. Leseprobe

  Saskia ErbingSaskia Erbring, die Autorin von „Inklusion ressourcenorientiert Umsetzen“, führt heute eine eigene Praxis mit den Schwerpunkten Kommunikation und Teamentwicklung, Gesundheitsförderung, Gesundheitsmanagement und Salutogenese sowie Inklusive Schulentwicklung. Zuvor arbeitete Sie als Lehrerin an einer Gesamtschule, als
Wissenschaftliche Mitarbeiterin und als Lehrbeauftragte für Pädagogische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Hochschule Fresenius Köln. Bei uns können Sie einen Blick ins Buch erhaschen. Wie haben eine Leseprobe aus dem Buch „Inklusion ressourcenorientiert Umsetzen“: 

Einleitung

Dieses Buch beantwortet Fragen zum Thema Inklusion – Fragen, die auf Veranstaltungen zum Thema Inklusion gestellt werden; und Fragen, die mehr oder weniger kunstvoll hinter Vorwürfen, Bedenken oder Behauptungen versteckt sind. Hier werden die Fragen mit Beispielen und Anregungen aus der Praxis beantwortet. Manchmal ist die Antwort auch eine Gegenfrage, mit der die Art des Fragens hinterfragt wird. Diese Irritationen helfen beim Nachdenken über das Thema Inklusion. Auf dem Spickzettel steht also nicht immer die Antwort. Teile des Buches sind eher »Reflexionszettel« – hier ist auch Platz für eigene Notizen.

Das Spezifische an diesem Buch ist der systemische Blick. Systemisches Denken lässt sich gut für Schulentwicklung nutzen, so natürlich auch beim Thema Inklusion. Ziel des Buches ist, bislang ungenutzte Ressourcen sichtbar und verfügbar zu machen. Nicht nur die Beschäftigung mit anwendungsfreundlichen Lösungen für inklusive Schulentwicklung, sondern auch der Fokus auf die Gesundheit dürfte dieses Buch interessant machen. Denn hier wird nicht die Frage gestellt: »Was macht uns krank?«, sondern auch: »Was macht uns gesund?«

Dieser Spickzettel wendet sich vor allem an Lehrkräfte mit oder ohne sonderpädagogische Ausbildung, an Schulleiter, Studierende, Dozenten1, Eltern, Beschäftigte in der schulbezogenen Administration. Neben Informationen zum Thema Inklusion enthält das Buch zahlreiche Übungen und Beispiele aus Veranstaltungen, die das Buch für Schulentwicklungsbegleiter interessant machen. Das Buch regt auf unterschiedlichen Ebenen neue Sichtweisen zum Thema Inklusion an. Es liefert Ideen und Anregungen, um inklusive Schulentwicklung mit Zuversicht anzugehen. Wie jeder von Ihnen als Leser, so bringe natürlich auch ich unterschiedliche Erfahrungen zum Thema Inklusion mit: Als Lehrerin für Deutsch und Englisch sowie als sonderpädagogisch ausgebildete Lehrerin habe ich an einer Gesamtschule unterrichtet, an der Vielfalt und Heterogenität wertgeschätzt werden und die schon seit Jahrzehnten Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf2 aufnimmt; als Mutter von zwei Kindern erhalte ich immer wieder aus Elternsicht interessante Einblicke in Schulwirklichkeiten; nach mehreren Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit bin ich heute als Supervisorin, Moderatorin und Fortbildnerin selbstständig. Die hier im Buch berichteten Beispiele stammen aus der lebendigen Schulpraxis und machen inklusive Schulentwicklung anschaulich.

Zum Aufbau des Buches

Vier unterschiedliche Äußerungen aus Veranstaltungen zum Thema Inklusion bilden die Überschriften im ersten Kapitel. Anhand dieser Äußerungen beschreibe ich die aktuelle schulische Situation und gehe auf einige Grundlagen zum Thema Inklusion ein. Einige der Äußerungen sind emotional gefärbt, sie drücken Erfahrungen und Befürchtungen, Ärger und Bedenken aus. Sie werden in den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zur Thematik eingebettet. Wer als Leser bereits grundlegende Kenntnisse zum Thema Inklusion mitbringt, kann hier gut querlesen und in die Abschnitte 1.1.1, 1.2.1, 1.3.1 bzw. 1.4.1 springen. Ich bemühe mich hier um einen »Ressourcenblick« und beleuchte die Thematik Inklusion im Kapitel 1.5 aus einer gesundmachenden Perspektive.

Im zweiten Kapitel stelle ich ein Prozessmodell inklusiver Schulentwicklung vor: Inklusion als »U-Prozess«. Das Modell macht deutlich, welche Schritte im Schulentwicklungsprozess notwendig sind und wo Ressourcen für inklusive Schulentwicklung verborgen sind. Auch hier gibt es viel Arbeitsmaterial und praktische Übungen – für Sie selbst und für das ganze Kollegium.

Im dritten Kapitel vertiefe ich einige Aspekte, die aus meiner Sicht in inklusiven Schulentwicklungsprozessen wichtig sind. Auch hier kommentiere ich Äußerungen aus Veranstaltungen, gebe Beispiele zur Veranstaltungsplanung und -durchführung und stelle Formate der Prozessbegleitung vor.

Im vierten Kapitel wird erneut das Prozessmodell genutzt und anhand der »Theorie U« dargestellt, welche Abkürzungen viele Schulen nehmen. Es wird deutlich, dass die Abkürzungen den Prozess nicht beschleunigen. Im Gegenteil werden dadurch wichtige Schritte ausgelassen, die später mühsam nachgeholt werden müssen.

Wie können Sie sichergehen, dass Sie sich an Ihre Zielsetzung halten?

1.5 Fazit: Inklusion als Überforderung oder Inklusion als Ressource?

Überforderung entsteht, wenn nicht genügend Ressourcen für die Bewältigung gestellter Anforderungen zur Verfügung stehen. Überforderung entsteht auch, wenn Anforderungen ohne subjektiv erlebten Sinn erfüllt werden sollen, d. h., wenn sie nicht mit den internen Anforderungen in Verbindung gebracht werden können. Im systemischen Verständnis wird das Zusammenwirken von Anforderungen und Ressourcen erklärt: Externe und interne Anforderungen werden unter der Nutzung interner und externer Ressourcen bewältigt. Da alle Aspekte in Wechselwirkung miteinander stehen, bieten sich in allen Bereichen Ansatzpunkte für Veränderungen:

Abb. 2: Ein systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell

Abb. 2: Ein systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell

Wenn wir das Modell auf die aktuelle schulische Situation anwenden, dann finden wir Inklusion als externe Anforderung (siehe Nieskens, Rupprecht u. Erbring 2012). Externe Anforderungen sind durch äußere Vorgaben bestimmt. Bedürfnisse wie das Erleben von Kompetenz, das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Autonomie dagegen beschreiben interne Anforderungen. Interne Anforderungen definieren sich über individuelle Werte, Normen und Ziele. Sie stehen nicht immer im Einklang mit externen Anforderungen. Die Beurteilung von Handlungsergebnissen als Erfolg oder als Misserfolg hängt von internen Anforderungen ab, welche entsprechende Bewertungsmaßstäbe bereitstellen. So verschafft das Erfüllen interner Anforderungen Bestätigung und setzt Anreize für Entwicklung.

Wichtige interne Ressourcen wurden bereits im letzten Kapitel genannt, z. B. Bedeutsamkeit der Arbeit, Distanzierungsfähigkeit (siehe 1.4.1). Die wichtigste externe Ressource ist das soziale berufliche Umfeld. Gemeinsame Überzeugungen und Werte innerhalb einer Institution, der gut ausgeprägte Zusammenhalt im Kollegium und die Unterstützung seitens der Schulleitung tragen zur Vermeidung von Stress bei und stärken Lehrkräfte nachweislich in der Bewältigung der täglichen Anforderungen.

Das Anforderungs-Ressourcen-Modell macht deutlich, dass es bei der Bewältigung externer Anforderungen unterschiedliche Ansatzpunkte gibt – die Veränderung externer Anforderungen, also beispielsweise der Rahmenbedingungen, ist nur einer davon. Nachfolgend werden deshalb andere Ansatzpunkte skizziert und im Hinblick auf ihren weiterführenden Beitrag zur Lehrergesundheit erläutert. Es geht dabei nicht darum, die Relevanz von Rahmenbedingungen zu verharmlosen. Unter Gesundheitsaspekten ist es jedoch notwendig, weitere Ressourcen zu heben. Systemisch gesprochen: Es geht nicht um ein »Entweder-oder«, sondern um ein »Sowohl-als-auch«.

 

Abb. 3: Inklusion als externe Anforderung

Abb. 3: Inklusion als externe Anforderung

 

1.5.1 Gesundmachende inklusive Schulentwicklung

Die Differenzierung zwischen externen und internen Anforderungen ist für inklusive Schulentwicklung extrem wichtig. Denn mit der heterogenen Schülerschaft werden neue Maßstäbe für Erfolg und Misserfolg erforderlich.

1 Die Autoren dieser Buchreihe werden gebeten, auf eine genderorientierte Schreibweise zu verzichten. Natürlich sind immer weibliche und männliche Personen gemeint.
2 Gemeint ist damit der sonderpädagogische Förderbedarf, der aufgrund eines Gutachtens bescheinigt wurde. Natürlich haben auch andere Schüler »Förderbedarf«.


Leseprobe - InklusionDas Buch von Saskia Erbring ist beim Carl-Auer-Verlag erschienen und ist hier online erhältlich. 











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