Leseprobe: Gesa Staake „Motiviert in den Unterricht“

Evgenia Danilevic Veröffentlicht am
8. Leseprobe


Gesa Staake
Gesa Staake kann auf eine langjährige Erfahrung in der Lehre und als systemische Beraterin zurückblicken. Von schwierigen Situationen im Unterrichtsalltag kann sie demnach aus erster Hand berichten. In ihrem neuen Buch schildert Gesa Staake eindrücklich anhand anschaulicher Situationen die Herausforderungen, die Lehrenden jeden Tag begegnen. Sie beschreibt Unterricht als eine Kommunikationssituation, in der die Lehrenden die Voraussetzungen schaffen müssen. Wie das gelingt, können Sie in ihrem neuen Buch „Motiviert in den Unterricht – Wie systemisches Denken und Handeln den Schulalltag erleichtert“ nachlesen.

Hier eine kleine Leseprobe daraus:

1 Einleitung


In diesem Büchlein werden systemische Verfahren vorgestellt, die sich in Unterrichtssituationen als hilfreich erweisen und das Unterrichten erleichtern. Wer unterrichtet, kennt den typischen alltäglichen Frust, der sich oft im Lehrerzimmer entlädt, manchmal die gesamte Atmosphäre verdüstert und bei einzelnen Kollegen¹ sogar zum Burn-out führt: »Mein Unterricht konnte nicht gelingen, weil die Schüler nicht lernen, nicht aufpassen, unfähig sind zur Konzentration, nicht das nötige Vorwissen haben, keinen Respekt zeigen, keine Rücksichtnahme auf andere gelegt haben« usw. Dies alles sind natürlich – und das weiß in Momenten kühler Überlegung jeder – grobe Verallgemeinerungen. Für den Betroffenen werden sie jedoch Realität und rauben Kräfte, nehmen die Freude am Beruf. Zudem leiden Lehrer mehr oder weniger bewusst an den systemimmanenten Widersprüchen des Berufs (Holtz 2008, S. 81), wie etwa (individuell) fördern versus selektieren oder erziehen versus beurteilen. Hinzu kommt für viele Kollegen die enorme Belastung durch Korrekturen und zunehmende weitere Aufgaben, die zu übernehmen sind, um Schule zu optimieren. Man erlebt Kollegen mit glücklichen Veranlagungen, die solchen Anforderungen ohne Weiteres gewachsen scheinen; man trifft in Kollegien den Lehrertypus, der mit selbstverständlicher, nicht hinterfragter Autorität die Schüler mit leichter Hand, wohlwollend und großherzig führt. Wir wissen jedoch auch aus eigener Erfahrung und aus vielen Gesprächen, wie nützlich Anregungen zur weiteren Professionalisierung sein können, um die Freude am Unterrichten zu erhalten. Die systemische Beratung arbeitet mit der Ermutigung, das Selbst- und Weltverständnis zu variieren, eigene Handlungsmöglichkeiten zu erweitern: In diesem Sinne können Lehrende sich auch aus dem systemischen Werkzeugkasten bedienen, um noch wirksamer und zur größeren eigenen Zufriedenheit zu arbeiten. Dazu werde ich im Folgenden Vorschläge machen. In einem ersten Schritt soll das Unterrichtsgeschehen aus systemischer Sicht kurz skizziert werden (Kap. 2), sodann geht es um konkrete Ansatzpunkte zur Professionalisierung und Optimierung des eigenen Handelns in Unterricht und Schule (Kap. 3). In den Kapiteln 4 und 5 stehen kritische Anfragen und Anforderungen aus dem Schulalltag im Zentrum der Überlegungen.

3.6 Die Beziehung macht’s!

Aus den genannten Aspekten ergibt sich – und das überrascht eigentlich niemanden, denn auch die Reformpädagogen haben schon längst darauf hingewiesen –, dass die Persönlichkeit des Lehrers für den Unterrichtserfolg und für die eigene Zufriedenheit im Beruf von größter Bedeutung ist. Diese Einsicht wird in letzter Zeit von der Hirnforschung bestätigt: 

»Der Lehrerberuf erfordert eine Balance zwischen verstehender Zuwendung und Führung. Verstehende Zuwendung bedeutet, den einzelnen Schüler nicht nur unter dem Aspekt seines schulischen Könnens (oder seiner schulischen Schwächen) zu sehen, sondern auch und vor allem als Person, das heißt, seine Motive, sein Bemühen, sein Verhalten, seine emotionalen Stärken ebenso wie seine problematischen Seiten wahrzunehmen. Dabei vermeidet sie Kränkungen, Demütigungen und Bloßstellungen. Führung bedeutet die Notwendigkeit, Werthaltungen zu vertreten, Ziele zu formulieren, Schüler zu fordern, als Lehrkraft mutig zu diesen Forderungen zu stehen und Kritik zu üben, Schülerinnen und Schülern dabei aber Mut zu machen und sie in ihren Anstrengungen zu unterstützen. […] Eine ausgewogene Balance zwischen verstehender Zuwendung und Führung gelingt jenen Lehrkräften am besten, die nicht nur ihre Schüler als Person wahrnehmen, sondern sich auch selbst als Person wahrnehmen lassen, die also als ›Menschen mit Eigenschaften‹ auftreten, das heißt spontan und authentisch sind.« (Bauer 2007, S. 56 f.) 

Eine von der evangelischen Zeitschrift Chrismon in Auftrag gegebene EMNID-Online-Umfrage aus dem August 2012 nach den wichtigsten Eigenschaften eines guten Lehrers ergab, dass von 1001 Befragten 83 % die fachliche Bildung, 76 % die Fähigkeit, gut zu erklären, und 66 % die Haltung der Ermutigung wichtig fanden. 

Dass die fachliche Qualifikation für den Lehrer unabdingbar ist ebenso wie sein Bemühen, den Schülern die Dinge zu erklären, sei vorausgesetzt. Auffällig ist in dieser Studie, dass die erwachsenen Befragten mit höherer Qualifikation (Schulabschluss mit Lehre/mittlerer Bildungsabschluss/Abitur/Universität) der Ermutigung einen höheren Wert beimessen als Erwachsene ohne Qualifikation. Daraus lässt sich schließen, dass diejenigen Erwachsenen den Wert der Ermutigung kennengelernt haben, die ihre Ausbildung abschließen konnten. Sie können sich möglicherweise an die eine oder andere Situation erinnern, wo der persönliche Kontakt zum Lehrer/Ausbilder ihnen weitergeholfen hat. In derselben Ausgabe der Zeitschrift erzählen sechs Personen mit sehr unterschiedlichen Bildungsbiografien über je eine Lehrperson, die ihren Lebensweg beeinflusst hat. Die Erinnerung wird jeweils verdichtet in einem Satz. Diese Sätze sind in jedem Fall für den ehemaligen Schüler, dem er sich ins Gedächtnis grub, Ermutigung und Zeugnis einer persönlichen Beziehung.

Ein Beispiel: 

»Herr Pfitzenmeier war nicht autoritär. Er war immer freundlich und geduldig. Er konnte klare Ansagen machen, er war eine Autorität. Ich bin in seiner Anwesenheit gewachsen. Schreiben, lesen, rechnen – ich wollte das auch für ihn können, er hatte so stark an mich geglaubt, dass ich ihn nicht enttäuschen wollte. Er liebte seinen Beruf, er liebte seine Kinder. Das war sein Sinn im Leben: jungen Menschen die Freude an der Kultur beibringen. Ich lernte langsamer als die anderen, ich war auch nicht immer die Beste. Bei Kindern, wie ich eines war, wachsen sich Entwicklungsverzögerungen in der Pubertät raus. Meine Promotion in Psychologie habe ich mit ›summa cum laude‹ abgeschlossen. Das Wichtigste ist: der Glaube an die Kinder.« (Chrismon, 8/2012, S. 21) 

Der offensichtliche Befund, dass die Wirksamkeit des Lehrers und seine eigene Entlastung beide gleichermaßen befördert werden durch die Fähigkeit, Kontakt zu den Schülern aufzubauen und zu halten, ist erfreulich (zwei Fliegen mit einer Klappe!) und motivierend: Hier wird die Basis für gelingenden Unterricht gelegt, und daher ist dieser Kontakt die Mühe wert! 

Diese Voraussetzung ist so fundamental, dass sie auch trägt, wenn andere Aspekte, die die systemische Praxis nahelegt, vernachlässigt werden. So gibt es Lehrer, deren methodisches Repertoire eher eingeschränkt ist, die keinen »modernen« Unterricht geben, sondern eher der traditionellen, linearen »Vermittlungsdidaktik« (Arnold 2012, S. 36) folgen. Ein größeres Maß an Frontalunterricht als allgemein wertgeschätzt kann gute Lernerfolge zeitigen durch »die Ausstrahlungskraft des selbstbewussten, einfühlsamen und kompetenten Lehrers« (Roth 2011, S. 298). Dagegen kann selbstständiges Arbeiten leicht misslingen, wenn die Schüler den Eindruck haben, der Lehrer wolle sich mehr freie Zeit verschaffen und ihm sei in Wirklichkeit nicht eigentlich an ihren Ergebnissen und ihrem Lernfortschritt gelegen, sondern eher an einer Grundlage für seine Leistungsbeurteilung. Das Gespür für Interesse an ihrer Person und Arbeit ist sehr fein ausgeprägt; fehlt dieses Interesse aus Sicht der Schüler, wird die Motivation für engagiertes Arbeiten sinken. 

Ein strengerer, autoritärer Lehrer kann sehr wohl die Anerkennung von Schülern genießen, sodass sie sich zum Wegzeichen zu Erfolg und Freude Lernen einladen lassen, sofern er persönliche Wertschätzung vermittelt. Es wird ihm nachgesehen, dass er keine Ich-Botschaften formuliert, sondern rügt, anordnet und fordert, wenn er Möglichkeiten findet, seinen Schülern mitzuteilen, dass es ihm um sie geht, und zwar in authentischer Weise. So gibt es z. B. die sportliche Variante von Coach und Mannschaft; da hat der Chef das Wort und niemand anders. Die Truppe weiß aber, dass es eigentlich um ihre Leistung, ihr gelingendes Match geht, und vertraut sich der Führung an. Da wird die Einladung zum Lernen wahrscheinlich befolgt. 

Beziehung beruht auf einer Haltung der Wertschätzung und der Bereitschaft des Lehrers, sich in und vor der Klasse als Person zu zeigen und den Bedürfnissen der Schüler zu öffnen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Es wäre allerdings ein fatales Missverständnis zu meinen, diese Nähe zu Schülern sei herzustellen durch Kumpanei. Der Lehrer, der sich anbiedert, läuft Gefahr »aus der Rolle« zu fallen. Er muss vielmehr Chef bleiben, weil er für den Lernprozess Verantwortung trägt.

¹Wegen der besseren Lesbarkeit des Textes verwende ich die männliche Form anstelle der weiblichen und männlichen Form, die gemeint sind.



Buch - gesa staakeDas Buch von Gesa Staake „Motiviert in den Unterricht – Wie systemisches Denken und Handeln den Schulalltag erleichtert“ ist beim Carl-Auer-Verlag erschienen und kann hier erworben werden. Unter diesem Link finden Sie auch ein Interview mit Gesa Staake.









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