Lehrer-Eltern-Konflikte systemisch lösen

Evgenia Danilevic Veröffentlicht am
5. Lehrernews-App

Inge Maria Mandac ist systemisch-lösungsorientierte Beraterin. Nach Ihrer langjährigen schulischen Erfahrung ist sie seit 2004 freiberuflich in Weiter- und Fortbildung, Schulentwicklungsberatung, Konzeptentwicklung, Fallberatung und Mediation tätig. In ihrem Buch fasst Inge Maria Mandac die Erfahrungen aus ihrer beratenden Arbeit mit Eltern und aus ihrer umfassenden Tätigkeit als Lehrerin zu einem Ratgeber zusammen. Konflikte zwischen Eltern und Lehrern gehören zum Schulalltag dazu. Für deren Lösung entwirft Inge Maria Mandac konkrete und praktisch orientierte Lösungskonzepte. Anschauliche Beispiele aus der Schulpraxis und übersichtliche methodische Leitfäden für eine erfolgreiche Gesprächsgestaltung machen ihr Buch zu einer wichtigen Orientierung. Sie zeigt außerdem, wie Eltern und Lehrer gelassener mit Konflikten umgehen und miteinander kooperieren können. Hier haben wir eine kleine Leseprobe aus Mandacs Buch „Lehrer-Eltern-Konflikte systemisch lösen“:

1 Konflikte verstehen – Wissenswertes zur Konfliktklärung

1.1 Aggressionen verstehen

Was verbirgt sich hinter Aggressionen und berührt mich?

Wut und Ärger sind kraftvolle Emotionen. Sie mobilisieren Energie für etwas Wesentliches, das bedroht oder beeinträchtigt ist und seinen Ausdruck in impulsiven Reaktionen findet.

Bewirkt das Verhalten eines Anderen in uns Wut und Ärger, so ist das Verhalten der Auslöser. Die Ursache ist das Denken, die Beschäftigung im Kopf mit dem Verhalten. Das Denken findet seinen Ausdruck in Urteilen, Vorwürfen, Interpretationen, Analysen, Schuldzuschreibungen usw. oder auch in körperlicher Gewalt.

Negativ bewertendes Denken ist der Nährboden, auf dem sich Aggressionen gegen Andere oder gegen sich selbst entwickeln. Diese Denkmuster gehen zurück auf unser Erleben in der Vergangenheit. Denkmuster (Glaubenssätze) sind Annahmen und Überzeugungen, die sich in uns aus unseren Erlebnissen oder Erfahrungen gebildet haben oder die wir von wichtigen Bezugspersonen in der Kindheit übernommen haben. Sie prägen unser Denken, Fühlen und Handeln. Sie werden auch als Einstellungen bezeichnet, das, was wir für wahr halten.

Marshall B. Rosenberg kennzeichnet Aggressionen als »tragischen Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse«. Lebenserhalt, Autonomie, Integrität, Interdependenz, Spiel, Feiern, spirituelle Verbundenheit sind nach Rosenberg »Bedürfnisse«; sie bilden das Fundament unserer Lebensenergie und beeinflussen unsere Lebensqualität. Sind meine Bedürfnisse erfüllt, fühle ich mich wohl. Sind meine Bedürfnisse unerfüllt, fühle ich mich unbehaglich.

Aggression gegen Andere (Angriff) ist eine emotionale Schutzreaktion. Sie dient der Abwehr des gefürchteten Schmerzes und der z. B. damit verbundenen Scham, Schuld, Ohnmacht. Wir wollen Sicherheit gewinnen oder unsere Stärke zeigen.

Wut und Ärger sind unser Freund und Helfer. Sie sind wie Signallämpchen und sagen: »Ändere etwas – ich gebe Dir die Energie dafür!« Wut, die sich nicht auflöst und im Körper als  ufgestaute Energie bleibt, kann eine Eigendynamik entwickeln und zu Groll auf Andere und sich selbst werden. Groll holt auf der Gedankenebene erneut alte Verletzungen und früher erlebten Schmerz, der damit in Verbindung steht, hervor. Er begünstigt die Entstehung von Krankheiten.

Das Verhalten des Anderen ist der Auslöser für unsere Gefühle, die Ursache ist das bedrohte oder beeinträchtigte Bedürfnis. Gelingt es uns in einer Konfliktsituation, uns mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen zu verbinden, können wir alte Denkstrukturen auflösen und neue, andere Wahrheiten erleben. Aggressionen als Energiequelle für Veränderung und Entwicklung zu betrachten, sich ihrer einfühlend anzunehmen, sich der Bedürfnisse bewusst zu werden, sie anzuerkennen, setzt einen Prozess der Wandlung in Bewegung und unterbricht die Aggressionsspirale. Wir übernehmen Verantwortung für unsere Gefühle und Bedürfnisse.

1.2 Das Konfliktklärungskonzept von Marshall B. Rosenberg

Wie bleibe ich mit mir und dem Anderen in Verbindung? Das Konzept der gewaltfreien Kommunikation (GFK) des amerikanischen Psychologen und Konfliktforschers Marshall B. Rosenberg (2002) erschließt einen Weg dahin. Es präsentiert ein Lebensmodell, in dessen Mittelpunkt die empathische Verbindung zu sich selbst und zum Anderen steht, und eine Sprachmethode, die diese Haltung entfalten hilft. Das Modell von Rosenberg fügt sich nahtlos in die Prinzipien systemischer, ressourcen- und lösungsorientierter Kommunikation ein (Hubrig u. Herrmann 2005).



Durch unsere Erlebnisse und Erfahrungen haben wir oftmals die Verbindung zu unseren Bedürfnissen verloren. Gewaltfreie Kommunikation lädt zu einem anderen Umgang mit sich selbst und anderen Menschen ein. Sie zeigt einen Weg, die eigenen Bedürfnisse und die des Anderen zu erkennen und Möglichkeiten für die Erfüllung der Bedürfnisse beider zu  entdecken.

1.2.1 Grundannahmen

Der inneren Haltung bei der gewaltfreien Kommunikation liegen im Wesentlichen folgende Grundannahmen zugrunde:

• Richtig-oder-falsch-Urteile wirken trennend. Auf der Basis des Denkens von »richtig« oder »falsch«, »Recht« oder »Unrecht« ist die Chance auf Verständigung mühsam bis ausgeschlossen. Dieses Denken impliziert, er/sie/es sollte anders sein. Es äußert sich in Form von Verurteilung, Bewertung, Schuldzuweisung, Interpretation, Diagnose usw. zu einer Situation, einer Handlung und regt die Spirale der Eskalation eines Konfliktes an.
• Gefühle haben ihre Wurzeln in unerfüllten oder erfüllten Bedürfnissen. Die Wahrnehmung der Gefühle ist bedeutsam, weil sie uns Hinweise auf die Bedürfnisse geben und zum Handeln mobilisieren.
• Alles, was Menschen tun, sind Versuche, Bedürfnisse zu erfüllen. Bedürfnisse (z. B. Nahrung, Schutz, Anerkennung, Wertschätzung, Entspannung, Anregung, Entwicklung, Autonomie, Zugehörigkeit, Geborgenheit, Spiel usw.) sind ein Ausdruck der Lebensenergie. Unsere Motivation zu handeln entsteht aus dem Wunsch, diese Bedürfnisse zu erfüllen. Alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse. Sie sind das Gemeinsame, das uns verbindet, und sind Erkennungsmerkmale. Durch sie erkennen wir uns im Anderen wieder. Zusammen mit einer jedem Menschen angeborenen inneren Ressource – dem Einfühlungsvermögen – bilden sie den Kern für die magische Fähigkeit, sich selbst und den Anderen zu verstehen. Verbindung gelingt, wenn wir einfühlend mit uns selbst und dem Anderen unsere Bedürfnisse erkennen und anerkennen.
• Die gelungene Verbindung auf der Ebene der Bedürfnisse löst Konflikte. Menschen sind grundsätzlich an guten Verbindungen interessiert. Erleben wir unser Geben als freiwillig, weckt es die in uns ruhende Freude und Bereitschaft, zum Wohlergehen anderer Menschen beizutragen. Der Einstieg in den Dialog über Wünsche oder Ziele ist geebnet. Eine Vielfalt von Lösungsstrategien und Übereinkunft wird möglich. Empathie und Wertschätzung für sich und Andere sind Energielieferanten und Erfolgsfaktoren für gelingende Kommunikation und Konfliktklärung.

1.2.2 Die vier Schritte

Die Klärung von Konflikten im Gespräch erfolgt nach Marshall B. Rosenberg in vier Schritten. Sie schließen zugleich die bewusste Anwendung der »vier Seiten einer Nachricht« im Kommunikationsmodell von Friedrich Schulz von Thun (2013) ein, der davon ausgeht, dass eine Nachricht ein Paket von verbalen und nonverbalen Botschaften beinhaltet. »Sender« und »Empfänger« obliegt es, die Botschaften im Dialog zu entwirren und Klarheit zu schaffen. Jede Nachricht kann unter vier Aspekten gesagt und gehört werden: Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell. Sender und Empfänger haben die Wahl, mit welchem »Mund« sie sprechen bzw. mit welchem »Ohr« sie etwas hören wollen.

Wie sage ich etwas so, dass ich gehört und verstanden werde?

Schritt 1: Die Beobachtung – Auslöser
(»Sachinhalt« nach Schulz von Thun)
Was ist geschehen?
Ich spreche aus, was ich genau gehört/gesehen habe – ohne Bewertungen, Urteile usw. einzuflechten.
Sinn: eine Beobachtung von einer Bewertung unterscheiden und Eskalation stoppen.

Schritt 2: Das Gefühl – Wirkung
(»Selbstoffenbarung« nach Schulz von Thun)
Was löst es aus?
Ich spreche aus, wie es mir in Verbindung mit der Handlung geht.
Sinn: ein Gefühl von einem Gedanken unterscheiden und sich der Gefühle bewusst werden, ihr Dasein erlauben und anerkennen.
Wie unterscheide ich einen Gedanken von einem Gefühl?
Zum Beispiel:
• Ich fühle mich ausgenutzt.
• Ich habe das Gefühl, dass da was nicht stimmt.
Das sind Gedanken, Meinungen, Interpretationen über das Verhalten des Anderen. Um die unter dem Denken liegenden Gefühle zu identifizieren, ist es hilfreich zu fragen und nachzuspüren: Was fühle ich, wenn ich das denke?
• Wenn ich denke, ich werde ausgenutzt, dann fühle ich Wut.
• Wenn ich denke, dass da was nicht stimmt, fühle ich mich unsicher.

Schritt 3: Bedürfnis – Motiv
(»Selbstoffenbarung« nach Schulz von Thun)
Was ist wichtig?
Ich spreche aus, welche persönliche Bedeutung (unerfüllte oder erfüllte Bedürfnisse) hinter diesem Gefühl steht.
Sinn: ein Bedürfnis von einem Wunsch unterscheiden und sich der Bedürfnisse einfühlend bewusst werden; ihr Dasein erlauben und sich mit ihnen verbinden.

Schritt 4: Bitte – Strategie
(»Appell/Selbstoffenbarung/Beziehung« nach Schulz von Thun)
Welche Wege gibt es?
Gegebenenfalls äußere ich zunächst eine Beziehungsbitte und spreche dann einen konkreten Handlungswunsch aus, der sich auf die Bedürfnisse bezieht und der meine/ unsere Lebensqualität bereichern würde.

Es werden folgende Bitten unterschieden:
• Eine Beziehungsbitte dient dazu, die Beziehung zu klären.
»Wenn Du das hörst, wie geht es Dir damit? Wie ist das bei Dir angekommen?«
• Eine Handlungsbitte beinhaltet einen konkreten Handlungswunsch.
»Ich bitte dich … Ich habe die Idee/den Wunsch, dass …
»Sage mir, ob du bereit bist … Welche Idee hast du?«
• Eine Bitte an sich selbst dient meinem Selbstmanagement.
»Ich vereinbare mit mir selbst: Ich brauche Ruhe, Abstand, … Ich gönne mir eine Pause.«

Im »Eifer des Gefechtes«, aktivieren sich gerne alte Denkstrukturen und Verhaltensmuster. Stolpersteine und Herausforderungen in der Kommunikation sind es – neben Interpretationen, Urteilen – die nonverbalen Signale wie Mimik, Gestik, Ton, die die Botschaft zu einer Wertung werden lassen.

Gewaltfreie Kommunikation ist in unserer Gesellschaft ungewöhnlich. Es bedarf der Geduld und Ausdauer mit sich selbst, diese Art und Weise der Kommunikation zu erproben und anzuwenden. Die Sichtweise, dass jeder bewusste Rückschritt ein Fortschritt ist, gibt uns jeden Tag, jeden Moment erneut die Chance, unsere Gefühle und Bedürfnisse anders zu kommunizieren und mit uns selbst stimmig zu leben.
Empathie mit uns selbst und dem Anderen befähigt uns, gelassen mit herausfordernden Situationen im privaten und beruflichen Umfeld umzugehen.

Das Buch „Lehrer-Eltern-Konflikte systemisch lösen“ von Inge Maria Mandac ist im Carl-Auer Verlag erschienen und kann hier käuflich erworben werden.

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