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Das Referendariat als Self-fulfilling-prophecy?

Unser bloggender Lieblingslehrer Bob Blume hat endlich ein Buch über das Referendariat geschrieben. Im Abc der gelassenen Referendare (AOL Verlag) blickt er reflektiert auf seine eigene Ausbildungszeit zurück und gibt vielen konkreten Tipps für eine “Extraportion Gelassenheit”. Wir haben uns mit ihm darüber unterhalten, warum das Ref vielleicht gar nicht so schlecht ist wie sein Ruf.

meinUnterricht: Dein Buch deckt sehr praktische Punkte (z.B. “O wie Ordnungssysteme”) ab, aber auch vergleichsweise abstrakte Themen (wenn man das so sagen kann) wie “Wertschätzung” und “Transparenz”. Was war dir wichtig bei der Planung und Themenfindung?

Bob Blume: Das Wichtigste war mir, dass eine Referendarin oder ein Referendar sich Trost holen kann. Und Tipps, die dazu führen, dass man sich besser fühlt. Auch ein abstraktes Thema wie “Wertschätzung” kann dazu führen, dass die konkrete Umsetzung, das eigene Arbeiten oder eben der Fokus sich ändern. Das Hauptthema des Büchleins ist ja die Gelassenheit. Die Fähigkeit, sich rauszunehmen und zu versuchen, den Stress abzuschütteln. Das gelingt eben besser, wenn ich weiß, worauf man achten muss und worauf eben auch nicht. Wenn ich das bei einigen erreiche, selbst wenn es nur ein bisschen ist, bin ich wahnsinnig froh.

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mU: Auch dein Klappentext erwähnt sie, die “Schreckensgeschichten aus der Referendariatszeit”, die überall im Internet und im Bekanntenkreis erzählt werden. Sind die damit geschürten Sorgen und Ängste tatsächlich die eigentliche Herausforderung für Referendare?

Bob: Ja und nein. Man hat Angst vor den Schreckensgeschichten, verkrampft und erlebt alles schlimmer als es ist. Und das ungute Gefühl, sich auf etwas einzulassen, das man nicht beherrschen kann, türmt sich bei manchen zu einem Berg auf. So wird das Referendariat für manche zu einer Self-fulfilling-prophecy. Insofern: Es gibt viele Herausforderungen im Referendariat. Und mit dem selbst oder durch andere auferlegten Druck umzugehen, ist mit Sicherheit eine. Das Büchlein ist als Schwert gegen diesen Riesen gedacht.

Konkret könnte das beispielsweise bedeuten, besser über Kritik Bescheid zu wissen: Wenn man voller Schrecken hört, dass die bösen Fachleiter an allem etwas auszusetzen haben, dann wird man das so erleben und sich schlecht fühlen. Wenn man aber Kritik als wichtigen Teil der Ausbildung begreift und wertschätzt, dass man auf seine Defizite hingewiesen wird – eben, um besser zu werden – dann kann dieselbe Kritik einen ganz anderen Effekt haben.

mU: ,Gelassenheit‘ ist ein wichtiger Begriff in deinem Buch. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass der Lehrberuf viel Anteilnahme und Engagement erfordert. Wo verläuft für dich die Trennlinie bzw. wie findet man die Balance?

Bob: Eine Balance zu finden ist wahnsinnig schwer. Aber es hat mit Geduld zu tun. Geduld mit sich und mit anderen. Der Stress entsteht oft dadurch, dass viele Referendare meinen, von jetzt auf gleich alles perfekt können zu müssen. Das geht nicht. Aber dass das nicht geht, das ist ok. Viele Referendare brauchen eigentlich eine Person, die sie jeden Tag daran erinnert, dass sie nicht perfekt sein müssen. Dass sie ok sind. Dass es wird. Die Grenze verläuft also da, wo man selbst sie setzt. Und auch das muss man lernen. Aber ein Blick in die Zukunft verrät: Es wird besser.

Der eine steht selbstbewusst vor der Klasse und sorgt nur mit einem Blick für Ruhe, ist aber ein Ordnungsmuffel. Die andere schreibt tolle Entwürfe, hat aber Probleme mit präzisen Fragen. Das ist völlig normal. Wenn man den Fokus setzt und eins nach dem anderen in Angriff nimmt, erscheint alles nicht mehr wie ein so wahnsinnig riesiges Ungetüm.

Was war für dich die prägendste Erfahrung während deines Refs mit Blick auf deine jetzige Arbeit als Lehrer? Was hast du für den Beruf gelernt?

Bob: Darüber könnte ich stundenlang reden. Sehr vage: Ich hatte eine Klasse, die träge war und keinen Bock hatte. Aber es war meine. Für sie hätte ich mein letztes Hemd gegeben, was ich zwei Jahre später metaphorisch tat, indem ich auf ihrer Abifeier Britney Spears sang. Wir sind damals zusammen über uns hinausgewachsen, indem wir ein Theaterstück gespielt haben. Das hatten sie sich nicht mal selbst zugetraut. Die Erfahrung war: Wenn man sich für die Schüler engagiert, an sie und ihre Fähigkeiten glaubt und sie fördert, ist alles möglich. Und in so einer Klasse Lehrprobe zu machen ist dann nur noch eine Randnotiz.

mU: Das Referendariat ist immer noch eine Zeit des Lernens, in der natürlicherweise immer wieder Fehler passieren. Was war dein größter Fail im Ref und wie kann man am besten mit einem Griff ins Klo umgehen?

Bob: Ich würde weiter gehen: Auch als Lehrer sollte man sich als Lerner begreifen. Wer meint, wenn er “fertiger Lehrer” ist, bräuchte er nicht mehr zu lernen, hat eigentlich in diesem Beruf nichts verloren. Schüler haben Menschen verdient, die Spaß daran haben, Neues zu lernen, offen zu sein und Themen zu erschließen. Aber zur Frage: Ich habe viele Fehler gemacht, klar. In Konferenzen war ich viel zu engagiert und bin allen auf die Nerven gegangen, weil ich mitreden wollte, obwohl alle nur schnell weg wollten. Der größte Fail insgesamt…? Gute Frage. Da ich das, was man noch nicht kann und was kritisiert wird, nicht als Fail sehe, sondern als wichtige Fehler, fällt mir das eher schwer zu sagen.

Innovativen Unterricht machen zu wollen, indem man Schüler handlungsorientiert über den trojanischen Krieg schreiben lässt, ist keine gute Idee. Die Stunde, in der die Schüler voller Eifer darüber geschrieben, wie sie Köpfe abschlagen und Menschen in Brand setzen, werde ich nie vergessen (und fand etwas verändert auch Eingang in das Büchlein). Das war wohl mein größter Fail. Oder als ich einen 6.Klässler ironisch eine Strafarbeit androhte, weil er gefurzt hatte. Die Ironie verstand er natürlich nicht und saß wie ein Häuflein Elend mit zitternden Lippen vor mir. Für mich ist auch an diesen Stellen das wichtig, was ich im Kapitel “Transparenz” schreibe. Wenn man Fehler macht – und die macht man – sollte man sie benennen und dazu stehen. Der souveräne Umgang mit Fehlern gehört zum Lehreralltag dazu.

mU: Wo siehst du Schwachstellen in der Lehrerausbildung?

Bob: Nicht unbedingt da, wo sie andere sehen. Ich höre überall, dass das Studium so praxisfern sei. Das mag zwar sein, aber ist doch für einige auch eine Ausrede. Mir geht es andersrum: Im Studium sollte mehr Freiraum gegeben werden, so dass die Studenten sich austoben können. Inhaltlich. Denn wir brauchen zwar auch Lehrer, die eine Stunde gestalten können, aber eben auch solche, die ihr Fach lieben und es studiert haben, weil sie Interesse hatten –  und eben nicht, weil es vermeintlich am wenigsten Korrekturaufwand hat.

Insofern muss der Gedanke in die Lehrerausbildung getragen werden, dass Theorie gut und wichtig ist. Nicht, dass man sie nicht braucht. Und nebenbei sollte klar gemacht werden, dass man ein wenig Grundtalent braucht. Klar, man kann lernen mit jungen Menschen umzugehen. Aber wenn man keinen Bock darauf hat, sich in ihre Welt zu begeben, sie ernstzunehmen und zu fördern –und das jeden Tag – dann sollte man einen anderen Job ergreifen. Denn es stimmt zwar, dass man gut verdient und verbeamtet wird, aber das nützt nichts, wenn man nach drei Jahren Burn-out hat.

Und wenn ich das noch sagen darf: Jeder, der heutzutage Lehrer wird, sollte sich ein wenig in der digitalen Sphäre auskennen und einen Twitteraccount haben. Meine Meinung. Denn nirgendwo anders gibt es so viel Input und so viel Neues, das man für den Unterricht und für das eigene Lernen brauchen kann. Das wird auch in den Seminaren immer mehr erkannt. Und das sollte ernst genommen werden, denn das Netz ist da. Es ist Teil der Gesellschaft und wenn wir nicht nur Lernmaschinen beschulen, sonden Zugänge schaffen wollen für Bürgerinnen und Bürger mit Haltungen und Werten, dann müssen wir uns auf unsere jetzige Zeit einstellen – gerade als Lehrer.


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Bob Blume ist Lehrer, Blogger und Autor. Neben seiner Arbeit als Lehrer unterhält er den Blog bobblume.de, erstellt Unterrichtsmaterialien, schreibt für deutsche Zeitungen und unterhält zahlreiche Social-Media-Accounts. Man kann ihm auf Twitter unter @blume_bob oder auf Instagram unter  @referendarsflusterer folgen. Für Referendare hat Blume die Facebook-Seite Referendariatsseite ins Leben gerufen, auf der er interessante und hilfreiche Blogartikel oder Neues vom Refererndarsflüsterer, dem Podcast für Referendare, postet.

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Das Buch Abc der gelassenen Referendare ist im AOL Verlag erschienen.

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