Herausforderung Abstandsregel in der Schule (Klasse 1-4) – Teil 2

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Abstandsregeln einzuführen ist schon bei älteren Schülerinnen und Schülern eine enorme Herausforderung, wie wir in Teil 1 dieser Serie gesehen haben. Der zweite Teil zeigt dir, was du bei SuS der Klassen 1 bis 4 tun kannst.

Die Abstandsregel einführen: Klasse 1-4

In den unteren Klassen geben wir die Regeln ja überwiegend vor. Hier bietet sich wieder an, diese Regeln auf spezifische Situationen zuzuschneiden, also z.B. durchs Schulhaus ins Klassenzimmer gehen, das Klassenzimmer betreten, Hände waschen, der Toilettenbesuch, während der großen  Pause. Bzgl. der großen Pause bietet es sich an, strukturierte Pausen anzubieten, also den Schülern beispielsweise Bewegungs- oder Entspannungsspiele anzubieten, statt dass sie einfach irgendwie rumrennen.

Am Vorwissen unserer Schülerinnen und Schüler ankoppeln

Auch bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern ist es wichtig, mit ihnen zu besprechen, was sie bereits zum Thema wissen. Dann steht uns nämlich eine Reihe an Möglichkeiten zur Verfügung.

Schritt 1: Ein Stopp-Signal einführen 

Besonders in schwierigen Klassen bietet es sich an, vor dem ersten Üben ein Stopp-Signal einzuführen. Mit diesem können wir das Üben beenden, falls es dabei, aus welchen Gründen auch immer, zu erheblichem Durcheinander kommt. Wenn wir uns dann erst lange Gehör verschaffen und anschließend abwarten müssten bis unsere Schülerinnen und Schüler auf unser Stopp-Signal reagieren, würde sich bei unseren SuS ein Bild unseres Unterrichts als ungeordnetes Geschehen einprägen. Keine gute Voraussetzung für unser weiteres Vorgehen.

Schritt 2: Den Ablauf genau erklären

Bevor wir den ersten Ablauf erklären, sagen wir: „Gleich erkläre ich euch, wie wir das Klassenzimmer betreten. Dann rufe ich einige von euch auf, die es vormachen dürfen. Ihr müsst keine Angst haben, ich erkläre es euch gerne so lange, bis ihr es gut verstanden habt.“

Dann erklären wir im Detail, wie es geht, also z.B. beim Betreten des Klassenzimmers:

  • Ich betrete langsam unser Klassenzimmer – die Lehrperson macht sofort vor, was sie unter langsam versteht, in dem sie selbst entsprechend langsam das Klassenzimmer betritt. 

Wichtig: Wir können nicht davon ausgehen, dass unsere SuS unter „das Klassenzimmer langsam betreten“ das gleiche verstehen, wie wir. Das gilt auch für viele andere Vorgänge, z.B. Hände waschen, ruhig sein, die Abstandsregel einhalten, usw. 

  • Ich achte darauf, zum nächsten Schüler genug Abstand zu halten – die Lehrperson macht es wieder vor – sie bittet einen Schüler darum, mitzumachen. 
  • Ich gehe direkt an meinen Platz – die Lehrerin macht auch diesen Schritt vor.
  • Ich hole meine Unterlagen aus der Tasche und lege sie auf mein Pult. Die Lehrerin macht es wieder vor.

Die einzelnen Schritte haben wir auf einem Plakat notiert. 

Schritt 3: Erfolgserleben ermöglichen

Wir konstruieren die Übungseinheiten so, dass unsere Schülerinnen und Schüler dabei erfolgreich sind. Dazu unterteilen wir komplexe Abläufe in Zwischenschritte.

Fallbeispiel: Vom Klassenzimmer in die große Pause gehen – Du kannst diesen Vorgang problemlos in Zwischenschritte unterteilen, wie z.B.:

Aus dem Klassenzimmer rausgehen

  • Ich gehe langsam – wir machen dabei vor, was langsam bedeutet.
  • Ich halte Abstand zu meinem Vordermann – wir besprechen im Detail was damit gemeint ist.
  • Ich gehe dann los, wenn ich an der Reihe bin und wenn der Weg frei ist. Wir legen fest, in welcher Reihenfolge die SuS aus der Klasse gehen.

Der Weg durch das Schulhaus zum Hof 

  • Ich gehe rechts.
  • Ich gehe langsam.
  • Falls mir jemand auf meiner Seite entgegenkommt, zeige ich ihm mit meiner Hand an, dass er bitte rechts geht. Ich selbst halte mich auch ganz rechts.
  • Ich halte Abstand zu meinen MitschülerInnen, die vor mir gehen – wenn meine MitschülerInnen stehen bleiben, bleibe ich auch stehen.
  • Ich gehe auf die gleiche Weise zurück.

In Zwischenschritten üben

Wenn du den Weg vom Klassenzimmer in die große Pause auf diese Weise strukturierst kannst du, vor allem jetzt wo viele Klassen nur noch halb so groß sind, die hier aufgeführten Schritte einzeln mit deinen SuS üben. 

Abstandsregel einführen – Teil der Schulentwicklung

Es bietet sich unbedingt an, dass alle Klassen unserer Schule auf diese Weise in die Pause gehen, also, dass alle rechts gehen, statt einige rechts, andere links und wieder andere in der Mitte. Zusätzlich sind Markierungen auf dem Boden wie Pfeile, die die Gehrichtung anzeigen, sinnvoll. Dann müssen unsere SuS nicht darüber nachdenken, wo rechts bzw. links ist. SuS die sich mit der deutschen Sprache schwer tun, verstehen besser, was ihre Lehrperson meint, wenn sie es anhand der Pfeile auf dem Boden erklärt, vormacht und dann üben lässt. 

Schritt 4: Zunächst einzeln üben

Dann lassen wir den Ablauf einige Schülerinnen und Schüler einzeln üben. Wir nehmen zunächst SuS dran, von denen wir sicher sind, dass sie es schon richtig machen. Das hat den Vorteil, dass sich bei den anderen SuS der richtige Ablauf leichter einprägt. Fehler beim Üben hingegen würden die zuschauenden Schülerinnen und Schüler verwirren und es ihnen erschweren, sich den korrekten Ablauf einzuprägen. Wir könnten fragen, „Wer will es vormachen?“

Schritt 5: Präsenz zeigen und großzügig loben

Dabei begleiten wir die einzelnen SchülerInnen eng, weil wir möchten, dass sie sofort erfolgreich sind. Das bedeutet konkret, dass wir in ihrer Nähe sind. 

Das hat folgende Vorteile:

  • Wir können sofort Details, die sie richtig machen, lobend hervorheben.
  • Falls ein Schüler/eine Schülerin etwas falsch machen sollte, können wir sofort und unkompliziert korrigieren. Dabei sprechen wir höflich und ruhig. Wir könnten sagen, „Kein Problem, ich helfe dir gerne.“
  • Parallel dazu überblicken wir auch die Klasse, um mögliches Stören frühzeitig zu erkennen.

Schritt 6: In kleinen Gruppen üben

Vor dem ersten Üben in kleinen Gruppen besprechen wir mit unseren Schülerinnen und Schülern, was diejenigen tun, die nicht üben. Wir wollen ja nicht, dass diese aus dem Fenster schauen oder mit ihrem Nachbarn sprechen. Sondern, wir könnten zur Klasse sagen, „Diejenigen von euch, die gerade nicht üben, haben eine ganz wichtige Spezialaufgabe – nämlich: Beobachtet bitte ganz genau, was die, die gerade üben schon richtig machen. Nachher rufe ich einige von euch auf und frage, was ihr beobachtet habt, was schon gut war“. 

Schritt 7: Nach dem ersten Üben

  • Die SuS, die die Übenden beobachtet haben, sagen, was sie gut gemacht haben.
  • Die Lehrerin sagt ebenfalls, was die Übenden schon gut gemacht haben – sie lobt und drückt dabei Begeisterung aus.
  • Sie bespricht mit ihren Schülerinnen und Schülern, was sie noch besser machen sollen, also zum Beispiel fragt sie, „Das schafft ihr noch besser – was könnt ihr tun, um es noch besser zu machen?“

Schritt 8: Die ganze Klasse übt zusammen

Jetzt übt die ganze Klasse gemeinsam. Wir zeigen hohe Präsenz, loben großzügig und unterstützen wenn nötig. Ziel ist, dass sich unsere Schülerinnen und Schüler beim Üben wohl fühlen und gute Stimmung vorherrscht.

Nach dem ersten Üben mit der ganzen Klasse könnten wir ein Sonderlob an alle geben, oder eine besondere Belohnung, z.B. erhalten alle eine kleine Süßigkeit. 

Schritt 9: In den nächsten Tagen wiederholt üben

Hilfreich sind, je nachdem wie schnell die Schülerinnen und Schüler lernen, weitere Übungsdurchgänge – auch in den nächsten Tagen. Wichtig dabei ist, die gute Stimmung beim Üben aufrecht zu erhalten. Das erleichtert das Üben und fördert die Akzeptanz für die Vereinbarungen.

Schritt 10: Hindernisse antizipieren

Nach dieser Übungsphase können wir besprechen, welche unvorhergesehenen Probleme auftreten könnten. Dazu geben wir Fallbeispiele vor, für die sich unsere Schülerinnen und Schüler Lösungen überlegen. 

Zum Beispiel: „Während ein Schüler das Klassenzimmer betreten möchte, stehen zwei Mitschülerinnen direkt in der Tür und unterhalten sich.“ Die Klasse überlegt in Kleingruppen oder wir besprechen im Plenum: „Was kann der Schüler, der das Klassenzimmer betreten möchte tun?“

Überlege dir mit deinen Kolleginnen und Kollegen, welche anderen Hindernisse auftreten könnten um weiteren Beispiele mit deiner Klasse besprechen zu können. 

Üben am 2. Tag

Wir können nicht erwarten, dass alle noch wissen, was beim Üben genau zu beachten ist – selbst wenn wir es erst am Tag zuvor genau besprochen haben. Und wir haben das Ziel, dass unsere Schülerinnen und Schüler möglichst beim ersten Üben gleich wieder erfolgreich sind statt dabei einiges falsch zu machen. Deshalb lassen wir zunächst ein oder zwei Schüler erklären, was man genau bei dieser Übung tun muss, z.B. an Hand der schriftlichen Aufzeichnungen, die ja in der Klasse auf einem Plakat stehen.

Mit Belohnungen arbeiten

Auch bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern bietet es sich besonders bei schwierigen Klassen an, in den ersten Tagen nach dem Üben großzügig  Belohnungen zu geben; zum Beispiel durch Anerkennungskarten.

anerkennungskarte

Die Erinnerungskarte 

Auch wir Lehrpersonen können mit Hilfe einer Erinnerungskarte beobachten, was unsere Schülerinnen und Schüler schon gut machen. Damit können wir uns unkompliziert und korrekt positives Verhalten unserer SuS  notieren und jederzeit darauf zurückkommen. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir das gleich am ersten Schultag für viele unserer Schülerinnen und Schüler tun können. Erinnerungskarten lassen sich vielseitig einsetzen, z.B. wenn wir darauf achten möchten, wie die Klasse die Abstandsregelungen einhält.

Name Was der Schüler gut gemacht hat
Aaron  
Bernd  
Christina  
usw.  

Was tun, wenn es trotzdem noch einigen Schülerinnen und Schülern schwer fällt, die Regelungen einzuhalten?

Einige Lehrpersonen bieten schon Extra-Kleingruppen-Trainings für Schülerinnen und Schüler an, denen es beispielsweise schwer fällt bestimmte Klassenregeln einzuhalten. Sie üben die Regeln mit ihnen in Rollenspielen. Bezogen auf unser Thema zum Beispiel das Klassenzimmer betreten, usw. 

Diese Rollenspiele sind keine Sanktion, sondern eine Unterstützungsmaßnahme, also eine Art Spezialtraining. Entsprechend ist es sehr sinnvoll, darauf zu achten, dass während dieser Trainingseinheiten gute Stimmung herrscht. 

Wann soll dieses Training stattfinden? Möglichst während der Schulzeit – andernfalls könnte es von einigen als Bestrafung empfunden werden. Dadurch würden wir einen inneren Widerstand unserer Schülerinnen und Schüler aufbauen, was das Üben erschwert und im Alltag dazu führen kann, dass diese SuS weniger mit uns kooperieren und mehr gegen Abmachungen verstoßen und stören. 

Was tun, wenn Schüler die Vereinbarungen zur Abstandsregel nicht einhalten

Sofort handeln und den Schüler darum bitten, die Abmachungen einzuhalten. Also bei jedem Regelverstoß eingreifen. 

Wieso das Ignorieren von Regelverstößen eine riskante Strategie ist und welche Gefahren sich hinter zu häufigem Ermahnen verbergen kannst du im ersten Teil des Beitrages oder detaillierter in Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören (Eichhorn, 2018) nachlesen.

Über den Autor

Christoph Eichhorn ist Autor zum Thema Classroom-Management. Er arbeitet als Lehrbeauftragter an Universitäten und Pädagogischen Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und gibt Workshops und hält Vorträge zu Classroom-Management.

www.classroom-management.ch

Sein wichtigstes Buch: 

Eichhorn, C. (2018 A):   Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören

  • Die wirksamste Störungsprävention
  • Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen
  • Interventionsleitlinien bei großen Störungen
  1. Überarbeitete Auflage

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Die Literaturliste finden Sie auf: www.classroom-management.ch

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