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Gute Beziehungen: mehr Freude im Unterricht (Beziehungen aufbauen, Teil 2/3)

Classroom-Management geht davon aus, dass gute Lehrer-Schüler-Beziehungen kein Zufall sind, sondern ein Resultat von innerer Haltung, guter Planung und konsequentem Beziehungshandeln. Diese Artikelserie gibt dir dazu konkrete und zahlreiche, leicht umsetzbare Hinweise.

 

Im zweiten Teil der Serie zum Beziehungsaufbau erfährst du, wie die Lehrperson, Frau Dünner, ihre Beziehung zu ihrer Schülerin weiter vertieft.

Im ersten Teil dieser Serie haben wir gesehen, wie eine Lehrperson, Frau Dünner, schon am ersten Schultag management by walking around in ihrer Klasse bewusst dazu nutzt, eine Beziehung zu ihren SuS aufzubauen. Ihre SuS füllen gerade in Stillarbeit ein Arbeitsblatt aus, z.B. einen Steckbrief über sich, in dem sie einige Fragen über sich beantworten, z.B. nach ihrem Hobby oder über ein schönes Erlebnis aus den Ferien.

 

Kompetenzerleben ermöglichen

Dieses Arbeitsblatt hat sie absichtlich so gestaltet, dass es möglichst alle ihre SuS erfolgreich ausfüllen können. Im Classroom-Management sprechen wir davon, dass die L bewusst einen Gelingenskontext konstruiert, weil sie möchte, dass ihre SuS mit Erfolgserlebnissen ins neue Schuljahr starten. Das ist vor allem  bei den SuS mit langanhaltenden schulischen Schwierigkeiten sehr bedeutsam. Wenn ein S, der langanhaltende Probleme beispielsweise mit Mathematik hat, schon in der ersten Mathestunde des neuen Schuljahres Misserfolge hat, dann kann das seine eventuell schon vorhandene Überzeugung, „ich kann in Mathe nichts“ stabilisieren mit ungünstigen Auswirkungen auf seine Motivation und Lernbereitschaft in diesem Fach.

 

Kompetenzerleben – positive Emotionen – Beziehungsaufbau

Kompetenzerlebnisse hingegen lösen positive Emotionen aus. Aus der Emotionsforschung wissen wir, dass gute Gefühle beziehungsfördernd sind.

 

Positive Rückmeldungen in der ersten Stunde

Frau Dünner geht, während ihre SuS den Steckbrief ausfüllen, durch ihr Klassenzimmer, schaut ihren SuS über die Schulter und achtet gezielt darauf, was diese schon richtig machen. Das ermöglicht ihr, ihren SuS sofort kurze und positive Rückmeldungen zu geben, wie z.B. „du hast dein Arbeitsblatt schon prima ausgefüllt, Roberta“, oder, „du bist auf dem richtigen Weg, Carlo, schön“, oder einfach nur „du machst das gut“, oder „die erste Frage hast du gut beantwortet, Julia“, usw. Wichtig ist, dass wir mit diesem Vorgehen unkompliziert und innerhalb kürzester Zeit zu einer Vielzahl an SuS Kontakt aufbauen können. Dabei konzentriert sich Frau Dünner ganz besonders auf ihre SuS mit herausforderndem Verhalten, ängstlich-schüchterne SuS, SuS mit langanhaltenden Lernproblemen oder schlechten Noten, SuS mit einer Diagnose wie beispielsweise ADS, Autismus oder diejenigen SuS, die ihr irgendwie nicht so liegen. Damit macht sie schon am ersten Schultag einen ersten kleinen, aber bedeutsamen Schritt, um eine Beziehung zu ihren SuS aufzubauen. Die SuS sollen jetzt schon ein bisschen spüren, „unsere Lehrerin meint es gut mit mir“.

 

Präsenz zeigen

Während Frau Dünner durch ihr Klassenzimmer geht, um ihren SuS positive Rückmeldungen zu geben, kann sie den SuS, die vielleicht doch Probleme mit dem Arbeitsblatt haben, unkompliziert helfen und überblickt immer wieder ihre Klasse. Und falls einige SuS zu stören beginnen, nähert sie sich diesen unauffällig und weist sie darauf hin, was sie tun sollen, also z.B. „Roman, bitte beantworte Frage 1“.

 

Fallbeispiel: Die nackte Frau

Auch in einer 9. Klasse sollten die SuS am ersten Schultag einen Steckbrief über sich ausfüllen. Als die L durch die Reihen ging, sah sie, dass ein S eine nackte Frau auf ein Blatt gezeichnet hatte. Was jetzt? Ungerührt beugte sich seine L zu ihm herab und sagte, „bitte bearbeite Aufgabe 1“. Und als der S kooperierte nickte sie ihm kurz anerkennend zu. Am Schluss der Unterrichtsstunde könnte die L diesen S kurz zurückhalten. Welche Möglichkeiten sie dann hat, erfährst du in Eichhorn (2018).

Welchen Eindruck hinterlässt vermutlich diese Episode bei diesem S? Zum einen: Meine L bekommt hier allerhand mit. Und: Sie lässt sich nicht so leicht provozieren. Wie wichtig solche Dinge sind, wisst ihr.

Klar, die L muss nicht durch die Klasse laufen. Dann kann aber der zeichnende S zur Überzeugung gelangen, „meine L bekommt hier nichts mit“. Damit steigt das Risiko, dass er sich mit unterrichtsfernen Dingen befasst.

Schauen wir jetzt, welche weiteren Möglichkeiten Frau Dünner hat, um ihre Beziehung zu Roberta, die sie als provozierend erlebt, weiter zu vertiefen.

 

Beginn und Ende der Unterrichtsstunde zum Kontaktaufbau nutzen

Wir bleiben bei der Variante, dass Roberta ihr Arbeitsblatt gut ausgefüllt hat, wie im ersten Beitrag dieser Serie beschrieben. Beim Verabschieden hat Frau Dünner verschiedene Möglichkeiten. Sie könnte freundlich sagen, „dein Arbeitsblatt hast du prima bearbeitet, Roberta, danke“ oder „du hast dich gemeldet, als du etwas sagen wolltest, Roberta – das war echt gut.“ Das hatte sie während des Unterrichts beobachtet und auf ihrer Erinnerungskarte, siehe gleich unten, notiert. Und am nächsten Morgen könnte sie sagen, „Guten Morgen Roberta, gestern hast du bei der Stillarbeit gut mitgemacht“.

Diese Beispiele zeigen, dass Classroom-Management (Eichhorn, 2018) auch einfach umzusetzende und wenig zeitaufwendige Möglichkeiten des Beziehungsaufbaus bietet. Schauen wir uns noch einige andere an.

 

Die Erinnerungskarte

Unterrichten ist anspruchsvoll, dauernd kann unvorhergesehenes geschehen, die Klassendynamik kann plötzlich ausufern usw. Da kann man schon mal vergessen, dass man sich doch eigentlich vorgenommen hatte, darauf zu achten, was Roberta Positives macht. Deshalb legen sich immer mehr Lehrpersonen eine Erinnerungskarte in der Farbe ihrer Wahl auf ihr Lehrerpult. Dort notieren sie stichwortartig Positives über ihre Schüler und Schülerinnen wie Roberta und eventuell auch über andere. Die Karte kennst du schon aus dem ersten Teil der Serie.

 

Name der SuS

Hobbies & Interessen

Positives aus dem Unterricht

Was ich dem S morgen früh Positives zuflüstern könnte

Alexandra

Reiten, Tiere

Hat sich gemeldet

„Schön, dass du dich gestern so gut gemeldet hast, Alexandra.“

Cengiz

Fussball, Karate

Hat Roberta geholfen

„Cengiz, gestern hast du doch Roberta geholfen – das war klasse, vielen Dank.“

Roberta

Tanzen, Beauty

Gute Einzelarbeit

„Bei der Einzelarbeit hast du gestern konzentriert mitgearbeitet – das war richtig gut, Roberta.“

 

Die Erinnerungskarte

In diesem Beispiel hat sich die Lehrperson dafür entschieden, die Erinnerungskarte fokussiert auf drei ihrer SuS anzuwenden. Das könnte sie natürlich auch auf die ganze Klasse ausdehnen. Sie muss dann ja auch nicht jeden Tag für alle SuS etwas eintragen.

 

Positives notieren

Viele Lehrpersonen haben mit folgendem Vorgehen sehr positive Erfahrungen gemacht. Wenn ihnen eine Schülerin oder ein Schüler nicht sympathisch ist, notieren sie am Abend, was dieser Schüler gut gemacht hat. Das kann am Anfang harte Arbeit sein. Mit der Zeit fällt diese Aufgabe den meisten aber immer leichter.

 

Eine Lehrperson berichtete,

– „ich versuche zu dem Schüler drei positive Eigenschaften zu finden,

– ich gebe ihm eine Vertrauensaufgabe,

– ich spreche den Schüler unkompliziert bewusst häufig und kurz im Alltag an, z.B. wenn er in mein Klassenzimmer kommt, beim Verabschieden, auf dem Flur oder während einer Pause. Ich sage zum Beispiel, „wie geht es deinem kranken Bruder?“, „wie war es gestern im Eishockey-Training? usw. Ich spreche ihn also zu den Themen an, von denen ich vermute, dass sie ihm persönlich bedeutsam sind.“

Eine Lehrperson sagte, „dadurch ist mir dieser Schüler sympathischer geworden und ich konnte leichter auf ihn zugehen“.

 

Schriftliches Lob

Warum nicht einer Schülerin mal ein kurzes Brieflein schreiben, z.B. „Hallo Roberta, diese Woche (oder „gestern“) hast du die Klassenregeln gut eingehalten – vielen Dank.“ Das kommt bei vielen sehr gut an – denn einen Brief von der eigenen Lehrperson zu erhalten, ist schon etwas sehr Besonderes. Viele lesen einen solchen Brief mehrfach durch und zeigen ihn stolz ihren Eltern.

 

Das Lob-Büchlein

Das Lob-Büchlein (bei SuS in der Pubertät überlegen sich die SuS selbst einen Namen für dieses Buch) ermöglicht einer L, ihren SuS unkompliziert Anerkennung, Wertschätzung und positive Rückmeldungen schriftlich zukommen zu lassen. Die wirkt oft deutlich stärker als mündliche. Als es Roberta gelungen ist, eine der Klassenregeln eine Woche lang einzuhalten, klebt Frau Dünner dort ein Foto einer bekannten Tänzerin ein und notiert, „ich habe mich gefreut, Roberta, wie gut du die Regel eingehalten hast“. Die tanzbegeisterte Roberta war begeistert und zeigte das Bild gleich zu Hause ihren Eltern.

 

Kompliment an die Schülerin – leichtere Zusammenarbeit mit deren Eltern

Auch Roberta’s Eltern die waren sehr angetan. Ab diesem Zeitpunkt hat sich die Beziehung zwischen Roberta und Frau Dünner deutlich verbessert. Und sogar die zu Roberta’s Eltern. Die waren ab dem Zeitpunkt nämlich davon überzeugt, dass es Frau Dünner gut mit ihrer Tochter meint. Das ist oft die Voraussetzung für gelingende Elternarbeit.

 

Schülerinnen sind an erster Stelle Menschen

Classroom-Management rät Lehrpersonen über Anerkennung und Wertschätzung zu führen – statt über Kritik und Sanktionen. Es geht davon aus, dass SuS an erster Stelle nicht SuS sind, sondern Menschen. Und dass sie als solche behandelt werden wollen. Eines der Hauptprobleme von Schule besteht aber darin, dass wir als Lehrpersonen überwiegend mit der ganzen Klasse kommunizieren und kaum face-to-face im Einzelgespräch. Darüber hinaus sind die Inhalte dieser auf die ganze Klasse bezogenen Kommunikation auf schulische Themen begrenzt – und nicht auf die persönliche Situation der SuS bezogen (Eichhorn, 2018).

Da steuern immer mehr Lehrpersonen bewusst gegen und entsprechen damit der Classroom-Management-Philosophie. Die fordert nämlich, dass Lehrpersonen Zeitbudgets für derartige persönliche Kontakte erhalten, das heißt, dass diese zur festen Arbeitszeit von Lehrpersonen dazugehören.

 

Im Café

Schon beim Betreten des Cafés fiel mir die ausgelassene Stimmung der jungen Menschen auf. Sie waren begeistert. Ich kannte niemand davon, überlegte aber, ob das SuS sein könnten. Dann sah ich eine ältere Frau und vermutete, dass sie die Lehrperson dieser Klasse sein könnte. Nach einigem Zögern sprach ich sie an. Und tatsächlich. Die Lehrerin war mit ihrer Klasse in einem Café. Sie erklärte mir, dass es an ihrer Schule üblich sei, mit den SuS ab 16 Jahren innerhalb der ersten zwei Wochen eines neuen Schuljahres einen Kaffee zu trinken. Ich war begeistert. Toll, was Schulen und Lehrpersonen leisten. Und das unentgeltlich. Klar, sind solche Anlässe auch sehr gute Kontaktmöglichkeiten gerade für Fachlehrpersonen, die ihre SuS nur wenig sehen. Weitere Anregungen findest du in Classroom-Management Basiswissen Kompakt (Eichhorn, 2018).

 

Im nächsten Teil erhältst du weitere Anregungen zum Beziehungsaufbau, auf die du jederzeit während eines Schuljahres zugreifen kannst.

 

Copyright: Christoph Eichhorn (www.classroom-management.ch)


Über den Autor

Christoph Eichhorn ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Lehrbeauftragter für Classroom-Management an den Universitäten Zürich, Konstanz und der PH Weingarten. Sein Buch „Classroom-Management: Wie Lehrpersonen, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten“, Klett-Cotta, erreicht im Herbst 2018 die 10. Auflage.

 

Literatur

Alle hier erwähnten Literaturangaben findest du in:

Eichhorn, C. (2018): Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören. Die wirksamste Störungsprävention. Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen. Interventionsleitlinien bei großen Störungen. CreateSpace Independent Publishing Platform.