Die Unterstützungsfrage: Einsatz im Unterricht – Teil 1

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Schule, lernen, schwierige Prüfungen, der Umgang mit MitschülerInnen – es gibt vieles, was unse-re SuS belastet. Kurzfristige Belastungen sind kein großes Problem – aber wenn diese sich zur Dauerbelastung ausweiten, sind die Konsequenzen schon schwerwiegend. Die betroffenen SuS stagnieren in der Entwicklung und die Lehrperson hat deutlich mehr zu tun. Die Unterstützungsfra-ge hilft L dabei, es gar nicht so weit kommen zu lassen.

Fallbeispiel: „Keinen Bock mehr auf Schule“

Jakob hatte seit der ersten Klasse schulische Probleme. In der achten Klasse war er komplett demotiviert, verweigerte oft die Mitarbeit, zog sich immer mehr zurück, erledigte meist keine Hausaufgaben und störte viel. Er schien auch keine Freunde in der Klasse zu haben. Seine Freizeit verbrachte er hauptsächlich mit Videospielen. Jakobs Eltern beschuldigten seine Lehrerin, ihren Sohn nicht ausreichend zu fördern. Sogar ihre KollegInnen setzen ihr zu. Im Lehrerzimmer berichteten sie ihr immer wieder davon, wie schwierig Jakob doch sei, was die Lehrerin jedoch schnell als Vorwurf auffasste, nicht genügend gegen die Probleme des Sohnes zu unternehmen. Sie fühlte sich erschöpft und wusste nicht mehr weiter. 

 

Die Unterstützungsfrage

Auch Frau Mahler hatte mit Manuel einen Schüler wie Jakob in ihrer neuen Klasse, die sie gerade übernommen hatte. Da sie sich im Vorfeld über ihre SuS informiert hatte, wusste sie, dass Manuel schon lange schulische Probleme hatte. In der zweiten Schulwoche des neuen Schuljahres stellte sie ihm die Unterstützungsfrage. Sie sagte zu ihm: „Du weisst doch Manuel, dass es mir wichtig ist, dass ihr euch in meiner Klasse wohlfühlt und gut lernen könnt. Wie geht es dir jetzt nach fast zwei Wochen dieses Schuljahres? Fühlst du dich wohl? Kannst du gut lernen?“ Manuel antwortete einsilbig: „schlecht“, woraufhin Frau Mahler erwiderte: „Das ist nicht schön – aber gut, dass du es gesagt hast, vielen Dank“. Und nach einer kleinen Pause: „Was ist denn besonders schlecht?“

 

Ausgehend von diesem Gespräch entwarf sie zusammen mit Manuel verschiedene Unterstützungsmaßnahmen. Die Hauptziele waren, seine Lernbereitschaft zu erhöhen, sein Ansehen in der Klasse zu verbessern und seine Eltern zur Zusammenarbeit zu gewinnen. Nach einigen Wochen wurde Manuel ein bisschen offener, arbeitete besser mit und sein Ansehen in der Klasse hatte sich ein wenig verbessert. Das war auch für Frau Mahler sehr hilfreich, denn ihre Arbeit wurde insgesamt einfacher und vor allem auch befriedigender, denn sie sah, dass ihre Bemühungen erste Früchte trugen. Wie wir aus der positiven Psychologie Wissen, macht uns dies im beruflichen Alltag belastbarer (Lopez, Snyder, 2011).

 

Fazit: Die Frage nach dem Wohlbefinden („Fühlst du dich wohl?) und der Lernatmosphäre („Kannst du gut lernen?“) sind eine sehr starke präventive Intervention, die es uns ermöglicht, Probleme anzugehen, bevor es  zu spät ist.

 

Indikation: Bei welchen SchülerInnen sich die Unterstützung-Frage anbietet:

 

Die Unterstützungsfrage bietet sich bei SuS an,

  • die sich schon lange mit dem Lernstoff schwertun und viele schlechte Noten haben, also Schüler wie Jakob und Manuel
  • die sich sozial ausgeschlossen oder gar gemobbt fühlen
  • ängstlich-schüchterne SchülerInnen
  • SchülerInnen mit herausforderndem Verhalten
  • SchülerInnen bei denen die Lehrperson vermutet, dass sie sehr viel Anerkennung und Lob brauchen.

 

Bei diesen SchülerInnen ist es auch möglich, die Unterstützungsfrage mehrmals zu stellen – vor allem dann, wenn diese beim ersten Gesprächsversuch nicht wirklich darauf eingehen wollen, was keine Seltenheit darstellt. Für viele SuS passt eine fürsorgliche und unterstützende Lehrperson häufig nicht ins konstruierte Bild. Andere weigern sich wiederum über ihre Schwächen zu sprechen.

 

Wann sollte man die Unterstützungsfrage stellen?

Bei diesen SuS bietet es sich an, die Unterstützungsfrage schon in den ersten Wochen eines neuen Schuljahres zu stellen. Denn wir möchten ja frühzeitig Unterstützung anbieten. Und in den ersten Tagen eines neuen Schuljahres haben wir dazu die besten Chancen (Wong and Wong, 2018). Aber auch im Verlauf des weiteren Schuljahres ist diese Frage möglich.

 

Die schriftliche Form der Unterstützungsfrage

Gerade haben wir festgestellt, dass es SuS gibt, die sich in einem Gespräch mit ihrer Lehrperson nur schwer öffnen und Schwächen zugeben können. Manche davon geben aber in einer schriftlichen Befragung eher Antwort. Die Unterstützungsfrage lässt sich ganz einfach auch schriftlich stellen.

 

Liebe SchülerInnen,

Ihr wisst, dass es mir wichtig ist, dass ihr euch in meiner Klasse wohl fühlt und gut lernen könnt. Heute möchte ich euch fragen, wie es euch in der Klasse geht und ob ihr euch wohlfühlt. Bitte nehmt euch kurz Zeit die beiden Fragen zu beantworten – vielen Dank.

 

Fühlst du dich in der Klasse wohl? Bitte kreuze an:

 

1—————————————————————————————————————–6

1 bedeutet: Ja, sehr wohl

6 bedeutet: Nein, gar nicht wohl.

 

Kannst du gut lernen? Bitte kreuze an:

 

1—————————————————————————————————————–6

1 bedeutet: Ja, sehr wohl

6 bedeutet: Nein, gar nicht wohl.

 

Die schriftliche Befragung als Anknüpfungspunkt

Die schriftliche Befragung gibt der Lehrperson mit minimalem zeitlichem Aufwand einen ersten schnellen Überblick über bedeutsame Aspekte des Wohlbefindens ihrer SchülerInnen. Sie ermöglicht ihr festzustellen, welche SchülerInnen besondere Unterstützung bedürfen und auf diese zuzugehen, indem sie deren Antworten als Anlass für ein individuelles Gespräch nimmt. Sie sagt einfach: „Vielen Dank, dass du den Fragebogen beantwortet hast. Ich habe gesehen, dass du gesagt hast… Darf ich dich fragen, was du genau damit meinst…“, oder „wie wäre es, wenn wir zusammen überlegen, was wir tun können, dass es dir wieder besser geht…“

 

Im zweiten Teil dieses Beitrags erfahrt ihr, wie Manuels Lehrerin dessen Aufmerksamkeit auf seine schulischen Erfolge lenkt und ihm damit zeigt, dass er sich verbessern kann, wenn er sich darum bemüht. Damit schafft sie die Basis, auf der der Schüler weitere Fortschritte erreichen kann. Darüber hinaus nutzt sie erste Erfolge ihres Schülers, um die Zusammenarbeit mit dessen Eltern aufzubauen.


Über den Autor

Christoph Eichhorn ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Lehrbeauftragter für Classroom-Management an den Universitäten Zürich, Konstanz, Tübingen (ab WS 2019-2020), der PH Weingarten und der PH Vorarlberg (ab WS 2019-2020).

Weitere Anregungen finden Sie in:

Eichhorn, C. (2018): Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören. Die wirksamste Störungsprävention. Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen.

Interventionsleitlinien bei großen Störungen. CreateSpace Independent Publishing Platform.

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