Bewältigungsperspektiven gemeinsam mit den SuS erarbeiten

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Immer mehr Lehrpersonen (L) ist es ein großes Anliegen, dass sich ihre Schülerinnen und Schüler (SuS) in der Schule wohl fühlen. Dies bringt klar positive Konsequenzen für deren Persönlichkeits- und Lernentwicklung mit sich. Aber das Leben hält auch zahlreiche Schwierigkeiten bereit.

Wie SuS lernen, diese als bewältigbare Herausforderung zu sehen, zeigt dieser Beitrag. Dabei spielen L die Hauptrolle.

Kira fühlte sich schlecht. Sie kam mit ihrem Arbeitsblatt nicht klar. Auch Roman fühlte sich schlecht. Er sollte in der gleichen Kleingruppe wie Dario arbeiten, mit dem er gerade auf dem Pausenhof Streit hatte. Es gibt Vieles, was SuS während des Schultages belasten kann, wie z.B.

  • sich nicht dazugehörig fühlen
  • sich von anderen unfair behandelt fühlen
  • mit dem Lernen nicht klarkommen
  • Stress mit den Eltern wegen der Schule haben
  • den Unterricht langweilig finden
  • Aufgaben oder Arbeitsblätter nicht lösen können
  • die Erklärungen der L nicht verstehen
  • sich von der L oder Mitschülern unfair behandelt fühlen usw.

Was sollten diese SuS jetzt tun? Wir wissen, dass die damit verbundenen negativen Emotionen unserer SuS massive Auswirkungen auf unseren Unterricht haben. Die SuS kooperieren weniger mit ihrer Lehrkraft und ihre Möglichkeiten der Selbststeuerung gehen stark zurück (Baumeister und Vohs, 2004). Dadurch kommt es zu mehr Störungen. Die L muss mehr eingreifen und ermahnen – was wiederum auf Kosten der Beziehung zu den SuS und des Klassenklimas geht. Das möchten wir nicht.

Klar, die meisten SuS gehen gerne in die Schule. Trotzdem erleben sie dort auch zahlreiche belastende Situationen, mit deren Bewältigung sie häufig überfordert sind.

 

Präventiv Bewältigungsstrategien besprechen und einüben

Frau Schneider (1), Lehrerin einer 5. Klasse, will, dass ihre SuS frühzeitig über Handlungsoptionen für kritische Situationen verfügen. Ihr Ziel ist, dass ihre SuS Belastungssituationen aktiv angehen und so weniger negative Emotionen erleben.

Belastende Situationen sammeln und gewichten

Frau Schneiders SuS arbeiten in Kleingruppen an den Fragen „Was ist an der Schule schwierig?“ und „Was stört euch?“. Sie könnte auch fragen „Worüber ärgert ihr euch?“ oder „Was sollte anders sein?“ und Ähnliches.

Frau Schneider sammelt alle Ergebnisse auf einem großen Blatt. Dann werden die Antworten gemeinsam mit den SuS gewichtet, so dass beispielsweise nur noch zwei besonders belastende Situationen übrig bleiben. Diese können lauten:

  1. Wenn wir Streit haben
  2. Wenn ich etwas nicht verstehe

Handlungsoptionen überlegen

Und wieder geht’s in Kleingruppen. Dieses Mal überlegen die SuS, wie sie die Probleme angehen könnten. Also „Was kann ich tun, wenn ich

  1. mit jemandem Streit habe?“
  2. wenn ich etwas nicht verstehe?“

 

Alle Vorschläge werden auf Plakaten gesammelt. Die SuS wählen gemeinsam die besten aus – Frau Schneider hilft ein bisschen mit, diese kurz, prägnant und positiv zu formulieren.

Vorsätze nach dem „wenn…, dann…“-Muster erarbeiten

Vorsätze nach dem „wenn…, dann…“-Muster haben sich in der Forschung als sehr geeignet gezeigt, um Handlungsmuster für Problemsituationen anzugehen (z.B. Gollwitzer, 1997).

Die SuS haben mit Frau Schneiders Hilfe folgende Vorsätze erarbeitet:

– „Wenn mich ein Mitschüler/ eine Mitschülerin schlägt oder beleidigt, dann sage ich es meiner LehrerIn.“

– „Wenn ich etwas nicht verstanden habe, dann zeige ich unsere rote Signalkarte.“

 

Frau Schneider hat ihren SuS Signal- oder Feedback-Karten verteilt. Das sind einfach mittelgroße Karten in den Farben grün, gelb, rot. Sie bieten L, unkomplizierte und zeitnahe Möglichkeiten, sich über das Befinden ihrer SuS ein Bild zu machen. Zum Beispiel kann  man nach einer Kleingruppen-Arbeit fragen:

– Wie hast du dich während der KG-Arbeit gefühlt?

– Wie habt ihr den Arbeitsauftrag verstanden?

– War der Auftrag für dich interessant?

– Konntest du dich gut einbringen?

– Würdest du gerne mehr über dieses Thema wissen?

– Wie habt ihr unsere Vereinbarungen für die KG-Arbeit eingehalten (in dieser Klasse gibt es spezielle Vereinbarungen zur Zusammenarbeit während der KG-Arbeit, z.B. leise sprechen, andere ausreden lassen und ihnen zuhören, sich respektvoll verhalten usw.)?

 

Frau Schneider bittet nach jeder Frage ihre Klasse über die Karten zu antworten. Dabei bedeutet

– eine grüne Karte = „gut“ / bzw je nach Frage auch „ja“

– eine gelbe Karte = „mittel“

– eine rote Karte = „schlecht“ / bzw. je nach Frage auch „nein“.

 

Und schon erhalten wir sofort ein Bild darüber, wie unsere Klasse zur jeweiligen Frage von uns steht. Zahlreiche Anregungen dazu finden Sie in Eichhorn, (2018 A)

 

Fallbsp: Bei der KG-Arbeit zeigt eine S auf die Frage, „wie hast du dich während der KG-Arbeit gefühlt“ immer wieder die rote Karte. Eine bedeutsame Information. Die L spricht sie darauf an. Sie sagt z.B. freundlich, „ich habe euch doch erklärt, dass es mir wichtig ist, dass ihr euch in meiner Klasse wohl fühlt. Du hast jetzt schon mehrmals die rote Karte gezeigt… wie geht es dir?“ Es stellt sich heraus, dass sich die S in der Klasse nicht wohl fühlt. Jetzt hat die L die Gelegenheit, mit der S und evtl. deren Eltern über Bewältigungsmöglichkeiten nachzudenken.

An die Vorsätze erinnern

Immer wieder spricht Frau Schneider mit ihren SuS über die Vorsätze. So lernen sie, diese mit der Zeit umzusetzen.

Unterstützungstreffen

Nicht alle SuS können die Vorsätze gleich gut umsetzen. Frau Schneider hat eine Kleingruppe mit diesen SuS gebildet, mit der sie sich zusätzlich anfangs einmal pro Woche für 15 Minuten trifft, um sie intensiver begleiten zu können. Sie sprechen darüber, was bereits gut klappt und was sich noch ein bisschen verbessern könnte. Zum Beispiel indem sie sich gegenseitig an ihre „wenn…, dann…“-Vorsätze erinnern. Sie achtet darauf, dass diese Treffen für ihre SuS in guter Stimmung enden. Dazu machen sie am Schluss ein kleines Spiel. Mit ihrem Schulleiter und den Eltern dieser SuS hat sie sich zuvor abgesprochen.

Eltern einbeziehen

Frau Schneider erklärt am Elternabend was ihre SuS erarbeitet haben. Dabei lobt sie ihre Klasse großzügig. Das kommt bei den Eltern sehr gut an – sie sind stolz auf ihre Kinder. Damit erreicht Frau Schneider fast nebenbei das eigentlich wichtigste Ziel für Elternabende, nämlich diese so zu gestalten, dass die Eltern auf ihr Kind stolz sein können.

Und in der 11. Klasse?

Auch 11. Klässler erleben erhebliche Belastungen. Im Gymnasium einer 11. Klasse fragte eine L seine SuS „Warum ist es wichtig, dass wir lernen, Stress zu bewältigen?“ Dann ging sie ähnlich wie oben beschrieben vor. Zusätzlich arbeiteten ihre SuS zu Themen aus der Stress- und Erholungsforschung.

Zusammenfassung

Schule und Lernen können SuS massiv belasten. Viele Lehrkräfte möchten ihre SuS bei der Bewältigung dieser Probleme unterstützen. Das funktioniert am besten , wenn unsere SuS Strategien erlernen, welche es ihnen ermöglichen,  selbst aktiv zu werden.

 


Literatur

– Baumeister, R., Vohs, C. (2004): Handbook of Self-Regulation. Research, Theory and Applications. New York, London.

– Eichhorn, C. (2018 A):   Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören. Die wirksamste Störungsprävention. Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen. Interventionsleitlinien bei großen Störungen.

– Eichhorn, C. (2018 B): Classroom-Management: Wie Lehrer, Eltern und Schüler guten Unterricht gestalten. Klett-Cotta, 10. Aufl.

– Gollwitzer, P., Brandstätter, V. (1997): Implementation intentions and effective goal pursuit. In: Journal of Personality and Social Psychology, 73, 186-199.

– Snyder, C., Lopez, S. (2002): Handbock of Positive Psychology. Oxford.

 

Über den Autor:

Christoph Eichhorn ist Lehrbeauftragter für Classroom-Management an den Universitäten Zürich, Konstanz, Tübingen sowie Pädagogischen Hochschulen in Deutschland und Österreich. Er bietet Workshops und Vorträge zu Themen wie „Interventionen bei Stören“ oder Classroom-Management“ an.

www.classroom-management.ch

 

Sein wichtigstes Buch

Classroom-Management Basiswissen Kompakt: Stören

Die wirksamste Störungsprävention. Interventionsleitlinien bei kleinen Störungen. Interventionsleitlinien bei großen Störungen (2018)

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